Parrotta

Stuttgarter Zeitung, 2. Juli 2010

Von Georg Leisten. Dem Rücken nach zu urteilen, ist sie ziemlich hübsch: zierliche Proportionen, die dunklen Haare zu Zöpfen geflochten. Aber die Freude, der jungen Frau ins Gesicht zu blicken verwehrt der Oskar Schmidt dem Betrachter. Sowohl die Porträtserie als auch der Videoloop im Fotosommer- Beitrag der Galerie Parrotta zeigen immer nur den abgewandten Oberkörper. So viele Attribute wie möglich aus seinen Bildinszenierungen auszumerzen scheint das Arbeitsprinzip des in Berlin lebenden Film- und Fotokünstlers zu sein. So begnügen sich vor allem Schmidts Interieurs mit rustikaler Minimalausstattung. Mal ein Tisch, dann ein Stuhl- und alles in den blassen Farben eines Stilllebens von Giorgio Morandi. Die Stärke von Schmidts Arbeiten liegt in den Stimmungen der radikal entrümpelten Räume. Die asketische Ruhe des Tages weicht mir der Dämmerung einem beklemmenden Licht- und Schattenspiel. dabei wird der schmale Inventarrest in der kargen Zimmerwüste zur allegorischen Bedeutungsoase, zur letzten Hoffnung des Sinnsuchers. Wieso das fragile Kartenhaus? Ein Vanitassymbol? Man wird das Gefühl nicht los, hier könnte vielleicht doch noch was passieren.



Prinz Stuttgart, Juni 2010

Mit der analogen Großformatkamera erstellt Oskar Schmidt seine fotografischen Tafelbilder nach malerischen Prinzipien. Der "Fotosommer Stuttgart 2010" wirft seine Schatten voraus und was ein Künstler mit der Kamera in der Dunkelheit noch ausrichten kann, zeigt die Ausstellung "Dark Side" bei Parrotta Contemporary. Eine von 36 “Gallery Shows" im sehenswerten Rahmenprogramm des Fotosommers. Sandro Parrotta präsentiert Oskar Schmidts neue Interieur- Fotografien. Stark reduzierte, sorgfältig inszenierte Aufnahmen, die kahle, spärlich eingerichtete Räume im Finstern zeigen. Minimalistische Bilder, die die Grenzen des Fotografischen, gerade im Vergleich zur Malerei sichtbar machen. fs



Stuttgarter Zeitung, 2. Juli 2010

In der Galerie Parrotta Contemporary Art Stuttgart sind derzeit Fotografien von Oskar Schmidt zu sehen. Der Fotograf hat bei seinen Werken mit der Dunkelheit gespielt. Ist zum Fotografieren Licht zwingend notwendig, erkundet Oskar Schmidt in dieser Reihe die Ränder des Sichtbaren. Der Betrachter muss sich zunächst daran gewöhnen, wie wenig zu sehen ist. Die Fotoserie "Darkness appears in many ways" ist noch bis zum 14. August in der Augustenstraße 87 zu sehen.



Reflect, 3.2010

Oskar Schmidts Fotografien erkunden die Ränder des Sichtbaren, die sich ergeben wenn Abstinenz des Lichts auf Körper und Räume treffen. Wie das menschliche Auge, das sich nach dem Schritt vom erleuchtenden Tag in die Dunkelheit daran gewöhnen muss, so ergeht es auch dem Betrachter der Arbeiten Schmidts. Einfache Objekte simpel arrangiert, ergeben mit dem wenigen Licht, das auf sie fällt eine düstere und unbehagliche Stimmung mit der man sich alleingelassen fühlt.



Süddeutsche Zeitung, 24./25. April 2010

Von Catrin Lorch. Auf der 44. Art Cologne flaniert die Kunstgeschichte. Ein Parcours von der Moderne bis zu den Zeitgenossen. ... Die Zone der "Open Space" vereint als Sonderschau künstlerische Einzelpositionen. ... Doch die Übergänge sind fließend - auch zur Open Space, die sich in der Vergangenheit als exterritoriale Zone architektonisch absetzte. Sie unterbricht das umgebende Raster der Kojen und Gänge nur mit winkelig gestellten Wänden - das sieht ruhig und elegant aus, aber wo sich die Galerie Parrotta mit zwei schwarzen Seidenbahnen gegen den Messetrubel abgrenzt, entsteht sofort das Raumgefühlt der Einzelkoje. Dahinter flimmert ein Duell, zwei Frauenarme, verschlungen im Armdrücken, eine trägt ein Perlenarmband, die andere Tattoos. Susanne M. Winterlings Film "Untitled (The Pressure Behind Your Nail Colour My Dear)" kostet in einer Auflage von drei Stück 5200 Euro. ...




Stuttgarter Zeitung, 2. Juli 2010

Anna und Bernhard Blume inszenieren ihre Bilder gern und setzen die menschliche Selbstüberschätzung auf ironische und hintergründige Weise um. Ihre aktuelle Schau "Metaphysik ist Männersache" ist in der Parrotta Contemporary Art in der Augustenstraße 87 zu sehen. Mit den großformatigen Schwarzweiß-Fotografien setzen de beiden international renommierten Fotografen sich selbst in Szene und versuchen im Selbstversuch die Grenzen zu überschreiten. Dabei parodieren sie Gemeinplätze, die sich bis heute hartnäckig beim Thema Geschlechterrollen halten. Die Ausstellung ist dienstags bis samstags von 14 bis 19 Uhr zu besichtigen. ktm



Stuttgarter Nachrichten, 23. April 2010

Von Rainer Vogt. Aufwärts und schon nicht mehr von dieser Welt. Bei Parrotta kommt die Kunst ins Schweben, ist aber nicht frei von Schwindel. Zu schweben heißt selbst bei irrwitzigem Tempo zu ruhen wie ein Astronaut oder ohne Flügelschlag königlich zu gleiten wie ein Adler. Von Höhenangst Geplagte kennen dabei Schwindel; und wer sich schwerelos vom Boden löst wie einst Maharishi, macht sich des Schwindels verdächtig. Auf diese Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Ästhetik und Poesie lenkt eine Ausstellung bei Parrotta Contemporary Art unsere Aufmerksamkeit, die "Antigrav-Figuren des Schwebens und Schwindels" heißt und mit interessanten Exponaten fesselt. Wenig erhebend mutet freilich der sarkastisch ins Bild gesetzte Befund von Anna und Bernhard Blume an. Die Aussichten, mit der Kraft des Geists der Erdenschwere zu entkommen, sind für Frauen verheerend. "Metaphysik ist Männersache", behauptet die Fotosequenz, bei der die Frau von einem Baum rücklings zu Boden stürzt, während der Mann glasigen Blicks und schon nicht mehr von dieser Welt aufwärts schwebt. Wie einfach Fotografie das Problem löst, zeigt Pieter Laurens Mol. Zum Stillstand bringt die Technik Bewegung sowieso. Dann genügt es, das Bild eines aufrechten Menschen um neunzig Grad zu kippen, um eine Levitation vorzutäuschen. Die lebensgroß in Porzellan gegossenen Vögel von Min Jeong Seo bleiben zwar liegen. Doch haben sich ihre Leichen beim Brand in der weiß glasierten Hülle zu Asche verwandelt und sind uns entrückt wie Geistwesen. Kleist wies in seinem Essay zum Marionettentheater auf die Anmut der Puppen hin, die sich der Aufhebung ihres Gewichts verdankt. Susanne M. Winterling und Ruth May vergegenwärtigen den Zusammenhang von Kostüm, Bühne, Tanz und körperloser Präsenz in seiner umfangreichen Installation. Winterlings von Schlemmers "Triadischem Ballett" abgeleiteten Elemente deuten dabei den Schritt zu mathematischer Leichtigkeit und zur Maschine an. Der vermeintlich freie Fall der Blondine im Video von Hannu Karjalainen dürfte indes nicht frei von Schwindel sein. kaum wahrnehmbare Bewerbungen in extremer Zeitlupe und die von keinerlei Luftzug bewegten Haare deuten so etwas an. So hat auch die Spinne, die das Ballonobjekt von Tomás Saraceno besiedeln sollte, das Weite gesucht. Die weiß kostümierte Frau in der Videoarbeit von Lilibeth Cuenca Rasmussen erinnert aber in Anlehnung an das "Manifest der Futuristischen Frau" von Valentine de Saint-Point daran, das wir – Blumes Standpunkt hin oder her – weder in Zukunft noch im Himmel "das Ewig-Weibliche" missen wollen.



Stuttgarter Zeitung, 23. April 2010

Von Georg Leisten. Der eine Mann hebt stocksteif vom Boden ab, der andere umklammert einen Baum, als wolle er sich den Auftriebskräften entgegenstemmen. Die Frau indes reißt der freie Fall ins Bodenlose. Höllensturz hier, Himmelfahrt dort? Die Erdanziehungskraft verhält sich ziemlich launisch im Zauberwald der beiden Fototriptychen von Anna und Bernhard Blume. Rund um die Klassiker des inszenierten Schnappschusses versammelt die Galerie Parrotta die unterhaltsame Gruppenschau "Antigrav", die künstlerischen Darstellungen des Schwebens nachgeht. Claude Horstmanns Viereck etwa erzeugt durch geschickte Augentäuschung den Eindruck, im Raum zu schwimmen. Während Judith Fegerls manipuliertes Metronom einen Pferdeschwanz zum Schwingen bringt und Hannu Karjalainens Video jemand in Zeitlupe durch die Luft treiben lässt, schickt Lilibeth Cuenca Rasmussen eine Eiskönigin mit Sonnenbrille in den Äther - ein traumschöner Film, der unterstreicht, dass das Schweben mehr als das technische Fliegen Befreiungserlebnisse verheißt. Doch mit der Schwerkraft ist nicht zu spaßen, wie Min Jeong Seos keramische Abgüsse toter Vögel zeigen: Runter kommen sie immer. Fragt sich nur, von welchem Trip. Die Antwort erfahren wir nicht, dennoch wird bei Parrotta bewiesen, dass auch private Galerien eine runde Themenausstellung auf die Beine stellen können.



lift Magazin, April 2010

Kunst ohne Schwerkraft. Mit erstarrtem Gesicht blickt der Mann einen Baum empor. Seine Hände pressen sich uaf den Stamm, er kniet, als ob er gerade abgerutscht wäre. Sich surreal kreuzende Äste verhindern nicht, dass rechts eine Frau durchs Dunkel stürzt. Die Dreier-Sequenz aus der Serie „Im Wald“ nahmen Anna und Bernhard Blume zwischen 1989 und 1991 analog auf. Sie zeigt, wie das legendäre Fotografenpaar, das an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Joseph Beuys studierte, mit Sinn für Komik und Absurdität die Ideologien des Kunstbetriebs untergräbt. Das Werk ist nun auch in der Gruppenausstellung „Antigrav – Figuren des Schwebens und des Schwindels“ in der Galerie Parrotta Contemporary Art zu sehen, in der verschiedene Künstler mittels verschiedenen Medien die Kunst jenseits jeder Gravität erforschen. Der garantiert überraschende Perspektivwechsel: Während Pieter Laurens Mol einen schwebenden eindruck vermittelt, in dem er die Fotografie kippt, lässt Lilibeth Cuenca Rasmussen in ihrer Video-Arbeit den weiblichen Körper aktiv gegen „Gesetze“ der Schwerkraft angehen. PEM.



Artline, Mai 2010

Antigrav: Figuren des Schwebens und Schwindels. Wenn es ums Schweben und den Schwindel geht, dürfen Anna und Bernhard Blume nicht fehlen. Unvergessen ihre Auseinandersetzung mit der Levitation "Im Wald". Daneben sind auch Arbeiten von Pieter Laurens Mol, Edgar Leciejewski sowie Susanne M. Winterling und Ruth May zu sehen. Immer auf der Suche nach der Bewegung des Denkens.



Stuttgarter Nachrichten, 12. März 2010

Von Rainer Vogt. „Fröhliche Gesellschaft“, der Ausstellungstitel, entstammt der von Andreas Übele gestalteten Einladung. Um keinen der mehr als 40 beteiligten Künstler zu übergehen, sind alle Namen übereinandergedruckt. Kein einziger ist lesbar und nur einige Unterlängen zwischen den fast gänzlich geschwärzten Zeilen sind als Teile von Buchstaben zu enträtseln. Der reine Gebrauchsgraphik demnach hinter sich lassende Siebdruck ist wie alles andere auch bei dieser Schau selbst eine Edition. Alle bisher bei Parrotta gezeigten Ausstellunge begleiteten Editionen. Offenbar fand es der Gallerist an der Zeit, zurückzublicken und bei dieser Gelegenheit mit dem Centre d’édition contemporaine in Genf zu kooperieren. Editionen bieten für die Schweizer ein eigenes Experimentierfeld. „Letzte Pommes frites und andere Gedichte der Fünfziger und Sechziger“, ein Buchobjekt aus zwölf Texten und ein Gesellschaftsspiel mit blauen und rosa Kärtchen, zeigen, was etwa gemeint ist. 1989 von Emmett Williams kreiert, ist es die älteste Edition der Schau. In guter Erinnerung sind hingegen „Stoffe der Eitelkeit“. Eine Serie von sechs Arbeiten resümiert den Auftritt von sechs Schülern von Timm Rautert 2009. Der ist jetzt mit der Stuttgarter Edition dabei, die einen Besuch des Fotokünstlers bei den Amish dokumentiert. „Wenn wir dich nicht sehen, siehst du uns auch nicht“, denken die fotoscheuen frommen Leute und verbergen ihre Gesichter hinter Hüten. Versteckspiele beschäftigen auch Pasi Autio aus Finnland, während Simone Westerwinter Flokatistücke am Stiel zu Zuckerwatte stilisiert und Heimo Zoberning auf eine Ecke des Lithosteins, mit dem er druckt, immer mehr verzichtet indem er sie wegschlägt. Das wachsende weiße Dreieck führt assoziativ zur Black Box. An die lassen acht Holzwürfel von Markus Schinwald denken, die mal so, mal anders, doch keineswegs schwarz tapeziert sind, ihr Inneres aber nur durch einen „Spion“ preisgeben. Das sind die Okulare an Türen, durch die man ungebetene Gäste mustert. Hier ist weitere Musterung nicht drin, weil dem Rezensenten so elegante Lösungen wie das Aufeinanderschichten von Namen verwehrt sind.



Stuttgarter Zeitung, 19. Februar 2010

Von Georg Leisten. Querbeet. Was kommt heraus, wenn man einem Rechteck eine Ecke abschneidet? Jedenfalls noch keine runde Sache, wie der österreichische Künstler Heimo Zobernig mit einer lithografischen Serie aus dem Jahre 1996 beweist. Von der unvollendeten Geometrie bis zum ironischen Jagdstillleben vereint die Galerie Parrotta jetzt druckgrafische Editionen sowie dreidimensionale Auflagenobjekte internationaler Gegenwartskünstler. Der Besucher findet einige ideenreiche Arbeiten, aber leider keine thematische Perspektive, so dass die Orientierung in der Querbeetauswahl schwerfällt. Ein Vanitas-Schnappschuss wie Edgar Leciejewskis Polaroid zweier ausgegangener Kerzen trifft auf die absurden Sammelsurien eines Erik van Lieshout, der in Bild und Text den konzeptuellen Gesinnungserotiker gibt. Science-Fiction- oder Fantasyfilme indes inspirierten die psychedelischen Siebdrucklandschaften Andreas Doblers, denen Carsten Tabels Fotografien ein aus Sperrmüll arrangiertes natursetting gegenüberstellen, während Florian Pumhösels Heliogravüren deren schwarz-weiße Bewegungsspuren an rotierende Zentrifugen erinnern, den lichtspielerischen Geist der Bauhausfotografie beschwören.



Artline, März 2010

Das Centre d'edition contemporaine Genève hat ein eher undogmatischs Verhältnis zur Druckgraphik – auch Multiples fallen in ihr Metier. Einmal im Jahr lädt es ein, eine Edition zu gestalten. Alles andere als langeweilig, wenn Künstler wie Elodie Pong, Susanne M. Winterling, Erik van Lieshout oder Markus Schinwald solche Möglichkeiten haben.



Stuttgarter Zeitung, 15. Januar 2010

Manchmal fängt alles ganz harmlos an - drei aktuelle Ausstellungen in Stuttgart und der Region. Von Georg Leisten. Das hätte Le Corbusier gefallen. Auf einem streng geometrischen Modulsystem beruhen die Plattenbaulandschaften, mit denen Benjamin Badock dem figürlichen Konstruktivismus eine eigene Variante abgewinnt. Poppige Farben, ironische Titel und Retroanklänge an melancholische Trickfilmkulissen verbinden sich geistreich zu einem formalen Neuerlebnis. Die Galerie Parrotta stellt Badocks monumentale Holzdrucke neben die Gemälde der Deutschgeorgierin Keti Kapanadze, die sich aber mit der gewollten Hintergründigkeit ihres Piktogrammpanoptikums aus fliegenden Buddhas, Vogelmenschen oder absurden Jagdszenen weniger einprägt.



Stuttgarter Nachrichten, 18.12. 2009

Von Nikolai B. Forstbauer. Nichts ist mehr wie es war in den Bildern der in Stuttgart lebenden Malerin Keti Kapanadze. Dicht beseelt präsentierte sich die Bildwelt der gebürtigen Georgierin lang, nun aber ist die verdichtete Mythenwelt durch- und aufgebrochen. Hüte sich indes, wer nun mit dem eiligen Blick alle Vielschichtigkeit vergessen glaubt. Eher ist das Gegenteil richtig - und Kapanadze erreicht gerade im gelichteten Bildraum einen Dialog von Form- und Zeitebenen. Dass es dabei denn auch verschiedenste Ansichten zu einem Thema (etwa "Fensterputzer") geben darf, entspricht ganz dieser Logik der Offenheit. Sehen aber muss man die aktuelle Schau in der Galerie Parrotta (Augustenstraße 87) wegen der zweiten Position: Vorgestellt wird die Holzschnitt-Welt von Benjamin Badock. "Module" ist die Präsentation betitelt, und um Module geht es auch, wenn Badock den ostdeutschen Plattenbauten mit tatkräftiger Hilfe des europäischen Malereierbes neues Kunstleben einhaucht. Häuser werden Chiffren, werden Eigenfiguren, und dies wunderbar unangestrengt. Ist es da ein Wunder, dass Badocks Figurensignale etwas weniger überzeugen? Ein Seitenblick aber eher, hat doch Benjamin Badocks Auftritt bei Parrotta (Reiselustige können seine Werke auch in der Kunsthalle Göppingen sehen) eine ungemein seltene Qualität: Sie überrascht. Kurz: Diese Platten muss man lieben.



Lift Stuttgart, Dezember 2009

Willkommen im Legoland: Benjamin Badock stellt seine modulhaften Bilder erstmals in Stuttgart aus. Die drei Bälle wirbeln durch die Luft, als ob sie gerade von einem Jongleur bewegt wurden. Dabei hat das Mädel mit der blonden Tolle gerade mal eine Hand ausgestreckt, die andre scheint in einer Tasche ihre rosa Rocks verschwunden. Etwa ein Piktogramm? Daran könnten die Arbeiten von Benjamin Badock erinnern, wären sie dabei nicht so außergewöhnlich: Der Meisterschüler des renommierten norwegischen Malers Olav Christopher Jenssen betreibt schließlich so genannten „Plattenbau“. Die wandgroßen Hochdrucke von Badock bestehen aus vielen Einzelteilen. Seit dem Jahr 2007 arbeitet der Künstler, der 1974 in Chemnitz geboren wurde, mit vierzig Formmodulen, jedes davon hat das Format 36 x 51 Zentimeter. Aus diesen entstehen im Druck schier endlose Variationen an Motiven: Häuser- und Landschaftsformen, vor deren schwungvoller Geometrie gesichtslose Menschen wie Playmobil-Männchen im Legoland vorbeiziehen. Zu sehen sind etwa Mauer- und Architekturstrukturen, die die Interaktion der Farben verdeutlichen sollen. Die Drucke sind natürlich allesamt Unikate und schwelgen in sinnlichen Rottönen, in tiefen Grünnuancen oder aufmüpfigen Fuchsiavarianten. Badock erweitere die antiquierte Drucktechnik ins Malerische, findet die Kuratorin Stefanie Sembill. Recht hat sie. Zu sehen sind die Werke nun erstmals in Stuttgart. Module 4.12-30.1.2010, Parrotta Contemporary Art, S-Mitte, Di-Sa 14-19 Uhr, www.parrotta.de



Re.flect, Winter 2009

Seine Arbeiten entstehen aus dem Zusammenspiel verschiedenster Modulsysteme eines Bausatzes, nämlich Quadraten, Rechtecken, Dreiecken und Kreissegmenten. Durch die am Computer arrangierten Platten und das Über-, Unter- und Nebeneinanderdrucken jeder einzelnen, komponiert Badock Landschaften, Momentaufnahmen und gesichtslose Charaktere. Dabei vereint er mehrere Aspekte anderer Kunstformen in seiner: die Flächigkeit der Brückemaler, Farbverläufe japanischer Holzschnitte und die Knalligen Farben der Pop-Art.



Stuttgarter Nachrichten Online, September-Oktober 2009

Kriegsgräuel und Ruinenlandschaften: Aus dem Dunkel taucht der Sensenmann auf, fegt über Leichenberge hinweg und läutet abwechselnd mit dem Teufel die Kirchenglocken. Jules de Bruyckers Kriegsallegorien "Abermals läutet der Tod die Glocke über Flandern" (1916) gleicht einem modernen Totentanz mit Charakter- und Sozialstudien, die bis ins Karikatureske reichen. In expressiver Direktheit und auf ungewöhnlich große Radierplatten radierte der scharfe Beobachter seine alptraumhaften, apokalyptischen Visionen zum andauernden Krieg aus der Ferne in London. Der 1870 in Gent geborene Künstler zählt zu den bemerkenswertesten grafischen Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Belgien, der dennoch für viele Kenner der Druckgrafik eine Entdeckung bleibt. Zum "Jahr der Grafik 2009" stellt die Ausstellung im Parrotta einen wichtigen Teil der Arbeiten de Bruyckers erstmals in Deutschland vor.



Artline, September 2009

Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass in der Galerie Parrotta Arbeiten von Johannes Lotz mit solchen des Zeichners und Radierers Jules de Bruycker (1870-1945) gegenübergestellt werden. Denn der 1975 geborene Lotz greift in seinen Bildern auf die Kunstgeschichte zurück, die Tafelmalerei, den Expressionismus.



Kunst aus Flandern in Deutschland, September-Oktober 2009

Der Radierer, Zeichner und Illustrator Jules de Bruycker (1870-1945) gehört zu den bedeutendsten belgischen Radierern aus der Zeit der klassischen Moderne. Er ist ein scharfer Beobachter und bringt mit spitzer Feder bis ins Karikatureske reichende Charakter- und Sozialstudien zu Papier. Den Scherpunkt der Ausstellung bilden Jules de Bruyckers "Kriegsallegorien", ca. vierzehn zwischen 1916-1917 entstandene Radierungen zum Ersten Weltkrieg in Flandern sowie Portraitfolgen aus dem Zweiten Weltkrieg.



Handelsblatt, 18. September 2009

Von Bettina Beckert: Stuttgarts Galerien eröffnen diese Wochenende Die Saison mit verlängerten Öffnungszeiten. ... Eine Entdeckung sind die großformatigen Druckgraphiken des Belgiers Jules de Bruycker (1870-1945). Parrotta Contemporary Art bringt die Kriegsallegorien in einen außergewöhnlichen Dialog mit der Malerei des jungen Saarländers Johannes Lotz, in dessen Zentrum die menschliche Figur steht.



Stuttgarter Zeitung, 18. September 2009

Von Georg Leisten: Gotische Gemäuer ragen in den schwarzen Himmel, dazwischen drängen Menschenmassen bald hierhin, bald dorthin. Getrieben von der vergeblichen Hoffnung einem Mann zu entkommen - dem Sensenmann. Rittlings hockt er auf einer Kanone, schwingt das Erntemesser und trägt Soldatenstiefel. Mit seinem Radierzyklus "War works" schildert der belgische Grafiker Jules de Bruycker (1870-1945) den Ersten Weltkrieg als Totentanz. In den abgestorbenen Winterlandschaften vermengen sich die dämonischen Allegorien des späten Mittelalters mit den Versatzstücken des industrialisierten Krieges. Zum fratzenhaften Antichristen verzerrt, schreitet da Wilhelm II. aus einem Kirchenportal heraus. In ihrer Doppelschau stellt die Galerie Parrotta de Bruyckers eindrucksvollen symbolistischen Schreckenskommentar den etwas argloseren Bildgrotesken des jungen Saarbrücker Malers Johannes Lotz gegenüber. Düsterfantastisches Bindeglied zwischen beiden Künstlern ist dabei der etwas unbeholfen artikulierende Geisterbahnmann von 2008. Auch sonst zitiert sich Lotz mit neuwilden Farben und Anleihen beim späten Picasso oder Bacon durch die Kunstgeschichte der Moderne.



Re.flect Stuttgart, September-Oktober 2009

Will man die Kunst von Lotz erfassen, so eröffnen sich dem Betrachter dynamische Elemente vor fremdartigen, fast vernachlässigten, aber der Bewegung ihre Kraft gebenden Hintergründe, die im Gegensatz zu den Figuren stehen. Die Einheit von Motiv und Hintergrund ergibt sich dabei aus dem vorherrschenden Element, sprich der unkontrollierbaren Umgebung und dessen Umgang damit. Eine Verbindung zu fauvistischen und frühkubistischen sowie expressionistischen Traditionen ist dabei erkennbar.



Re.flect Stuttgart, September-Oktober 2009

De Bruycker zählt wohl zu den bedeutendsten belgischen Radierern der klassischen Moderne, dessen Werk erst in diesem Jahr, dem Jahr der Grafik, zu Wertschätzung gelangen. Seine Motive erfasst er meist im urbanen Umfeld und durch deren scharfe Beobachtung. das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf den "Kriegsallegorien", entstanden zwischen 1916 und 1917 während des Ersten Weltkriegs in Flandern, und Portraits aus dem Zweiten Weltkrieg. die 35 Exponate umfassende Sammlung setzt sich aus Radierungen, Strichätzungen und Kreidemalereien zusammen, die eine außergewöhnliche Detailtreue und Schärfe widerspiegeln.



Flandern in Deutschland - Die Website der Flämischen Repräsentanz in Berlin, September-Oktober 2009

Der Radierer, Zeichner und Illustrator Jules de Bruycker (1870-1945) gehört zu den bedeutendsten belgischen Radierern aus der Zeit der klassischen Moderne. Er ist ein scharfer Beobachter und bringt mit spitzer Feder bis ins Karikatureske reichende Charakter- und Sozialstudien zu Papier. Den Scherpunkt der Ausstellung bilden Jules de Bruyckers "Kriegsallegorien", ca. vierzehn zwischen 1916-1917 entstandene Radierungen zum Ersten Weltkrieg in Flandern sowie Portraitfolgen aus dem Zweiten Weltkrieg.



Stuttgarter Nachrichten, 30. Juli 2009

Von Nikolai B. Forstbauer. Die Galerie Parrotta zeigt Arbeitswelten-Fotografien von Timm Rautert und Buchstabenfiguren von Andreas Uebele Seine Fotografien von Arbeitswelten machten Timm Rautert schon in den 1960er Jahren bekannt. Seine Blicke auf die sich verändernde Produktion bei Porsche dokumentiert zum einen die zunehmende Automatisierung und thematisiert zum anderen die Ästhetisierung der Arbeitswelt. Alles, so scheint es auf Timm Rauterts Fotos aus dem Porsche-Werk Zuffenhausen von 1968, ist horizontal. Der Fabrikraum ist, so gesehen, eine Linienstruktur, ein Gitter. Zugleich aber vermittelt sich in dieser Ansicht das Versprechen einer Raumtiefe - eingelöst eine Aufnahme weiter mit dem Blick auf die zur Abnahme positionierten Sportwagen. Diesen frühen Schwarz-Weiß-Aufnahmen Rauterts antworten in der aktuellen Ausstellung der Stuttgarter Galerie Parrotta Contemporary Sequenzen aus den Jahren 1992 und 2006. Mit dem Wandel im Produktionsprozess ändert sich auch der Blick des Fotografen. Oder täuscht dieser Eindruck nur, da zwangsläufig die Menschen in den Hintergrund, die Maschinen in den Vordergrund drängen? Letzteres dürfte gelten, konzentriert sich Rautert doch anhaltend auf die Struktur eines Raumes oder - im Gegenspiel - auf die Wirkung einer in den Vordergrund drängenden Ausschnittfiguration. Noch als Fragment dominiert die Glanzkarosse dann die Szenerie. Doch Rautert reicht auch dies nicht aus. Er setzt auf einen Dialog der Übersetzung. Begriffe wie Tempo, Energie, Schönheit will er fassen - und greift zu Bildpaaren. "Die Darstellung der Realität weiß um die Realität der Darstellung", heißt es über diese "Koordinaten" genannten Dialoge, "wenn Timm Rautert in seinen Bildpaaren eine seiner Fotografien aus dem Porsche-Werk mit der Fotografie eines Werbeplakates verbindet, das einen Skirennfahrer in rasender Geschwindigkeit im alpinen Wettkampf zeigt." Und weiter: "Durch die Verknüpfung der Fotografie verkabelter Montagemaschinen des Porsche-Werks mit dem Image einer menschlichen Maschine in Hochgeschwindigkeit scheinen neue Bedeutungsmuster auf." Die Gefahr indes ist da, sich im Miteinander zu verlieren, das jeweils eine zur Illustration des jeweils anderen werden zu lassen - und umgekehrt. Bedeutend bleibt diese Ausstellung insofern in der dankenswert breiten Präsentation von Rauterts Werken der 1960er und 1970er Jahre. Die leise, Distanz sichernde Annäherung bewahrt diesen Aufnahmen eine eigene Intensität. Und so zählt ein Porträt des Gestalters Otl Aicher nicht von ungefähr zu den schönsten Stücken der Ausstellung. Als Porträts sind letztlich ja auch Rauterts Blicke in und auf die Arbeitswelt zu werten - und als Porträts sind sie ungeteilt am überzeugendsten. Dem Bildnis Otl Aichers mag in dieser noch bis einschließlich diesen Samstag zu sehenden Schau auch eine Scharnierfunktion zu den Arbeiten des in Düsseldorf lehrenden Stuttgarter Gestalters Andreas Uebele zukommen. "Schrift im Raum" ist dessen Präsentation im ersten Galerieraum betitelt - und man liegt richtig, wenn man die Befreiung der Schrift aus ihrer zweidimensionalen Befangenheit als Thema unterstellt. 1960 geboren, führt Uebele so eine Programmatik weiter, welche die Gestalter seit den 1960er Jahren in Dialog mit der Kunst zeigt. Das Stichwort "Worte werden Bilder" klingt an, ist jedoch auf Uebeles Schaffen nicht anzuwenden. Einen Schritt tiefer in der Wortebene entzaubert und verzaubert er die einzelnen Buchstaben. Ein Innehalten in der Flut der Wegwerfgestaltungen scheint so möglich - nicht anders als man auch Rauterts Fotos glauben mag, dem ersten Schritt in der Autoproduktion wohne doch ein Zauber inne.



SUR KulurPolitik für Stuttgart und Region, Juni-Juli 2009

Von Valerie Hammbacher. Andreas Uebele und Timm Rauterts Lösungen. Ein Labyrinth aus schwarzen Balken, darauf ein rotes Feld mit der Aufschrift "Orientierungssysteme und Signalethik - führen, finden, fliehen". Das Cover auf der Publikation des Grafikdesigners Andreas Uebele ist bezeichnend: Es geht um den Weg aus dem Beschriftungs-Dschungel für Leitsysteme. Warum aber "fliehen"? Während eines Großbrandes 1996 im Düsseldorfer Flughafen starben nicht zuletzt wegen unklarer Beschilderung und fehlender Hinweise auf die Fluchtwege 17 Menschen. Damit ist klar: Verständlichkeit in der visuellen Kommunikation erhöht die Sicherheit, Grafikdesign und Architektur bestimmen den Werdegang Uebeles, der das Leitsystem der Stuttgarter Messe entwickelt. Er studierte Städtebau an der Universität Stuttgart, dann freie Grafik an der Kunstakademie. in der Galerie Parrotta zeigt er nun einen Ausschnitt aus seinem bisherigen Arbeiten zum Thema "Schrift und Raum". Galerist Sandro Parrotta stellt sie Fotografien von Timm Rautert gegenüber: 1986, 1992 und 2006 lichtete Rautert das Porschewerk mit seinen hochspezialisierten Arbeiten, Maschinen und Robotern ab. "Meistens entsteht eine gute Lösung durch eine sinnfällige inhaltliche Umsetzung eines Problems und durch harte Arbeit", kommentiert Uebele seine Arbeitsweise. Dies könnte auch für die Fotografien Timm Rauterts gelten.



Page, August 2009

Typo-Ausstellungen. Gleich zweifach präsentiert Andreas Uebele diesen Sommer seine typographischen Arbeiten. Während "Alphabet Innsbruck" noch bis zum 19. September im Innsbrucker Architekturforum auch zu sehen ist, zeigt "schrift im raum" in der Stuttgarter Galerie Parrotta Contemporary Art bis zum 24. Juli Plakate des Graphik-Designers. Diese dokumentieren ein aus dem ab 2000 im Büro Uebele entwickelten Orientierungssystemen generiertes Destillat seiner Projekte. Indem Typografie als Informationsträger ausschnitthaft in Bezug zum Raum gesetzt wird, entstehen gemäß Uebeles sehr klassischem Designverständnis visuell reizvolle Ergebnisse.



Stuttgarter Zeitung, 3. Juli 2009

Von Georg Leisten. Roboterarme, Autokarosserien, blitzende Fußböden. Aber nur ein einziger Monteur bewegt sich durch die Industrieeinsamkeit. 1968 sah das noch anders aus. Schraubend und schweißend kümmerten sich da ganze Teams um ein einziges Fahrzeug. Im Abstand von fast vierzig Jahren war der Fotograf Timm Rautert bei Porsche zu Gast. Als Student der Essener Folkwangschule dokumentierte er mit einer Reportage den Fertigungsalltag in Zuffenhausen in den Sechzigern. Parrotta zeigt diese Schwarz-Weiß-Serie nun neben farbigen Aufnahmen von 2006: eine sterile Arbeitswelt ohne Arbeiter. Daneben sind Plakatkompositionen des Stuttgarter Grafikdesigners Andreas Uebele zu sehen, in denen sich Schriftkunst und Geometrie zu visuellem Formwitz vereinigen. Spannender sind Rauterts Bilder: Der Grenzgänger zwischen angewandter und freier Fotografie porträtiert den Maler Neo Rauch bei einer schöpferischen Pause im Atelier oder die Amish-Gemeinschaft, die streng dem alttestamentarischen Bilderverbot folgt. "Wenn wir dich nicht sehen, siehst du uns auch nicht" heißt die Aufnahme der Schulkinder, die ihr Gesicht vor der Kamera verbergen.



Stuttgarter Nachrichten, 25. Juni 2009

Von Anne Abelein. Werke von Timm Rautert und Andreas Uebele in der Galerie Parrotta. (...)



Re.flect Stuttgart, Nr. 3, 2009

Seit den 1920ern verlor die Typographie seine enge Bindung zum geschriebenen Wort der Buchdruckerkunst und entwickelte sich mehr und mehr zu einer eigenständigen Kunstform. Die Galerie Parrotta zeigt Arbeiten von Andreas Uebele, die jene Eigenständigkeit der Schrift, entbunden von jeglichem pragmatischen Gebrauch, repräsentieren und somit eine Beziehung zum Raum hergestellt werden kann. Übrigens: Das Büro Uebele Visuelle Kommunikation gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Gegenwartstypographie - somit dürfte die Ausstellung auch für Graphiker, Werber und sonstige Gestaltende interessant sein...



Stuttgarter Zeitung, 15. Mai 2009

Von Georg Leisten. Junge Fotografen bei Parrotta. Weltberühmt wurde die Leipziger Kunsthochschule durch figürliche Maler wie Neo Rauch. Doch auch die junge Leipziger Fotografie ist von der Rückkopplung zum klassischen Tafelbild geprägt, was nun eine Ausstellung in der Galerie Parrotta dokumentiert. Sechs Fotografen aus der Klasse von Timm Rautert haben versucht, die Gattung des Stilllebens unter den Bedingungen des technischen Mediums neu zu vermessen. Mit ausgestopften Tieren und fast schon überdeutlichem Bezug zu barocken Arrangements gestaltet etwa Nadin Maria Rüfenacht ihre prunkvoll–morbiden Bildbühnen. Aus samtschwarzen Hintergründen blicken uns die leblosen Glasaugen von Faultier, Reiher und Windhund an. Dieser unheimlich inszenierten Kostbarkeit antworten Carsten Tabels fotografierte Wegwerfkulissen. Aus muffigen Matratzen, Rohren und Lappen entstehen seltsame Basteleien: Teils trashige Miniarchitekturen, teils Abfallpuppen, die durch Titel wie „Baronesse“ oder „Optimist Club“ zu eingefrorenen Akteuren surrealer Handlungsfolgen werden. Die Tendenz, den Alltag und seine Requisiten zu verrätseln, ist überall erkennbar in der Schau, die am Ende aber nicht schlüssig erklärt, was das mediale Selbstbewusstsein ausmacht, das die Fotografie ausgerechnet in der Auseinandersetzung mit der Malerei gewinnen soll.



Stuttgarter Nachrichten, 5. Mai 2009

Versuche über "Stoffe der Eitelkeit" bei Parrotta in Stuttgart. Von Rainer Vogt. Alle sechs Künstler haben bei Timm Rautert in Leipzig studiert, alle reflektieren Charakteristika des Mediums Fotografie, und alle bedienen sich dazu des Stilllebens. Dass Fotografie aus Leipzig parallel mit dieser Ausstellung bei Parrotta Contemporary Art auch in der Städtischen Galerie Speyer gezeigt wird und Stillleben Gegenstand einer wichtigen Schau in Bietigheim sind, unterstreicht nur die Aktualität der Thematik. "Stoffe der Eitelkeit", wie das Projekt in Stuttgart heißt, sind angesichts der Krise in aller Munde. Dass Fotografiertes für Authentizität bürge, Beweiskraft besitze, das spukt, obwohl man es lange besser weiß, immer noch in vielen Köpfen. Nadin Maria Rüfenacht untergräbt in ihrer Serie "Nature Morte" die Gewissheit, ob Tiere tot oder lebendig sind, ob zum Beispiel der Igel den wachen Hunden als ausgestopftes Exemplar Gesellschaft leistet oder nicht. Bei der "Straßentaube" von Edgar Leciejewski gibt es keinerlei Zweifel. Offensichtlich ist der lädierte Vogel einem Verkehrsunfall erlegen und dient nun einer Konvention des Genres, dem Memento mori. Auch "Kartenhaus I und II" von Oskar Schmidt mahnen an Vergängliches, während seine aufrecht stehende kreisrunde "Scheibe" den Gesetzen der Statik spottet. Verulkt müsste sich wohl auch "The Optimist Club # 1 - # 6" fühlen: Zwei von Carsten Tabel zu Bergsteigern stilisierte Antennenbügel versuchen Unmögliches, zwei ähnliche Figuren entspannen "Im Süden", einer regelrechten Installation aus Betonplatten. Die zerlegten Möbel, die Sveinn Fannar Johannsson fotografiert, würden ebenfalls als Installationen durchgehen, auch ohne ein Foto. Und wohl kein Zufall, dass einer, der Sachen auseinander nimmt, letztlich Ordnung sucht. Dass jeder Versuch, auf einer Fläche den Eindruck von Dreidimensionalität zu erwecken, Täuschung ist, machen die Schaufenster von Florian Rossmanith klar: Grellgelbe Aufkleber auf der fiktiven Glasscheibe stoßen uns - "Bling-Bling" - mit der Nase auf die Tatsache, dass der Raum dahinter nichts als ein Trugbild ist.



Stuttgarter Zeitung Online/Stuttgarter Nachrichten Online, 6. Mai 2009

Stilllebenfotografie aus Leipzig. Ausgehend vom Aufkommen des Stilllebens in der Malerei des 16. Jahrhunderts und seiner damaligen Tendenz zur Selbstkritik, haben sich sechs Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig für ihre Ausstellung ausgiebig mit dem Genre beschäftigt. Die Aufmerksamkeit, die dem Stillleben vor rund 500 Jahren zukam, galt weniger den abgebildeten Dingen, als vielmehr der symbolisch verschlüsselten Botschaft jenseits deren pragmatischen Gebrauchszusammenhanges. Gleichzeitig setzte es die Fähigkeit des Betrachters voraus, immanente ikonografische Verweise zu entschlüsseln. Um das "spezifisch Fotografische" im Stillleben zu definieren, haben es Sveinn Fannar Johannsson, Edgar Leciejewski, Florian Rossmanith, Nadin Maria Rüfenacht, Oskar Schmidt und Carsten Tabel in ihren Arbeiten mit den Eigenheiten und Fragestellungen benachbarter Disziplinen konfrontieret.



Kunstmagazin Regioartline, Mai 2009

Stoff der Eitelkeit. Meist gelten sie als Anlass der Schaulust, ein wenig verbrämt mit Vanitasmotiven. Sechs Schüler von Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig befassen sich und erneuern in der Fotografie das traditionelle Genre des Stilllebens. Nicht ohne dabei die Möglichkeiten der Kamera auszuloten.



Lift Stuttgart, Mai 2009

Parrotta Contemporary gibt mit den Werken von sechs Künstlern einen Einblick in das fotografische Arbeiten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Fotografie: Morbide Szenerien, verschlüsselte Botschaften, lustvolle Augentäuschung: „Es geht darum eine Illusion mit sehr geringen Mitteln zu erzeugen.“ So beschreibt Florian Rossmanith seine ironischen Bilder, in denen er mit Motiven der Romantiker spielt. Zusammen mit den Werken von sechs weiteren Künstlern, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in der Klasse von Timm Rautert studiert haben, sind sie jetzt in der Stillleben Fotoschau bei Parrotta Contemporary zu sehen. Rossmanith markiert einen zentralen Aspekt bei der Wahrnehmung von Still Lifes. Sein ehemaliger Studienkollege Sveinn Fannar Johannsson hinterfragt die Illusionseffekte und klopft das künstlerische Potenzial von Gegenständen ab und inszenierten Situationen in naturnahen Landschaftsaufnahmen ab, während sich Edgar Leciejewski ganz und gar auf die Täuschung einlässt. Er setzt tote Tiere mittels eines hochauflösenden Scanners ins Bild, um sie dort scheinbar wieder zum Leben zu erwecken und in Bewegung zu versetzen. Die Zeichenhaftigkeit der Tiere in der Geschichte des Stilllebens reflektiert Nadin Rüfenacht in eindrucksvollen Arbeiten. Losgelöst von Raum und Zeit erscheinen dagegen die sorgfältigen Arrangements von Menschen und Objekten in den malerischen Fotografien von Oskar Schmidt. Carsten Tabel schließlich bewegt sich an der Grenze zwischen Dokumentation und autonomem Bild. Dinge des täglichen Bedarfs, Baustoffe und Abfälle werden in seinen kritischen Bildern zur Zeitgeschichte in ungewöhnliche Zusammenhänge verwickelt. Das sind allesamt spannende Positionen und den Künstlern der Ausstellung ist eines gemeinsam: der kritische Blick auf das Medium Fotografie mit dem sie selbstbewusst an die lange Tradition des Stilllebens anknüpfen. Fazit: Wegweisende und neue Sinngebung in der Stilllebenfotografie. Für Fans von: Bernd und Hilla Becherschüler Candida Höfer, Yoon Jean Lee, Claus Goedicke oder Axel Hütte.



Re-flect Stuttgart, Nr. 2, 2009

Das, was zu sehen ist, spielt bei „Stoffe der Eitelkeit“ nur untergeordnet eine Rolle – denn das Arrangement und das, was damit assoziiert wird, ist der Knackpunkt der Stilllebenfotografie, die in der Galerie Parrotta präsentiert wird. Sämtliche Arbeiten haben dabei einen gemeinsamen Hintergrund: Sie alle stammen von Schülern der Timm Rautert – Klasse an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.



Kunsttermine, Mai/Juni/Juli 2009

Parrotta Contemporary Art Stuttgart: Stilllebenfotografie aus Leipzig
Den Künstlern der Fotoausstellung „Stoffe der Eitelkeit“ - ist zunächst eines gemeinsam: sie haben an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in der Klasse von Timm Rautert studiert. Um das spezifisch Fotografische zu definieren, wird das Stillleben in den Arbeiten von Sveinn Fannar Johannsson, Edgar Leciejewski, Florian Rossmanith, Nadin Maria Rüfenacht, Oskar Schmidt und Carsten Tabel mit Eigenheiten und Fragestellungen benachbarter Disziplinen konfrontiert. Victor Stoichita setzt sich mit dem Aufkommen des Stilllebens in der Malerei des 16. Jahrhunderts auseinander. Timm Rautert fasst zusammen: „Man sieht den Bildern an, dass sie in keinem anderen Medium gedacht und gemacht werden können.



Re-flect Stuttgart, Frühjahr 2009

Unterricht als Teil einer Performance als Teil eines Videos als Teil eines Kunstwerks - oder doch ein Werk über Kunst oder den Künstler selbst? El-Noshokaty veranstaltet per Video einen Vortrag, in dem er abstrakte Theorie durch Praxis in Form einer abstrakten Zeichnung auf einer Tafel verdeutlicht. Diese wirkt als körperlicher Akt, bis seine theoretischen Ausführungen wieder die Kontrolle übernehmen, die von seinen persönlichen Erinnerungen, Gefühlen und anderen psychischen Belangen durchzogen sind und somit zu einem Tagebuch des Künstlers selbst werden - eine faszinierende psychologische Selbststudie auf Band.



Re-flect Stuttgart, Frühjahr 2009

Ameisen als Teil einer Videoinstallation - die Verschmelzung von Animalischem und Technischem sowie Künstlerischem ist das Werk des Künstlers Gabriel Rossell Santillán. In Mexiko geboren und in Berlin lebend, entstehen seine Arbeiten aus Forschungen direkt vor Ort in seinem Geburtsland, seinem Wohnort oder direkt in Stuttgart. Als eine ethnographische Studie erstellte er aus Ritualen und Praktiken der Huicholes, einem Indianerstamm Mexikos, Videos und projiziert diese Arbeiten auf eine traditionell hergestellte Zuckerglasur, die während der Ausstellung von einem Stamm Ameisen abgebaut und als Teil des Projekts verspeist wird. Abgefahren...



Stuttgarter Zeitung, 6. März 2009

Von Georg Leisten. Doppelschau bei Parrotta. Bitterer Süßstoff ist es, den die Bienen da zu schlecken bekommen, denn die aus Zucker geformt Jahreszahl 1520, an der sich die Insekten laben, bezeichnet das Datum der Eroberung Mexikos durch die Spanier. Die Video- und Fotoinstallation von Gabriel Rossell Santillán leisten postkoloniale Trauerarbeit und erwecken indigene Mythen zu neuem Leben. Neben dem in Mexiko geborenen Wahlberliner zeigt der Ägypter Shady El-Noshokaty in der Galerie Parrotta eine Auswahl seiner Groteskzeichnungen von verwachsenen und pelzig behaarten Tier-Mensch-Körpern. Doch bevor wir anfangen, über die psychopathologischen Quellen dieser neosurrealen Fantastik zu spekulieren, halten wir uns lieber an den konzeptuellen Symbolismus des Berliner aus Mexiko City. In selten gewordener poetischer Verdichtung führt Rossell Santillán Film- und Objektkunst zusammen. Besonders der Zucker wird in den Raumkunstwerken zur Metapher der Kolonialisierung. Auf weiß bestäubten Platten etwa läuft der Film, der dokumentiert, wie ein Huicholes-Indianer die ehemaligen Kultgegenstände seines Volkes in einem Museum begutachtet. Vom Künstler ausgesetzte Ameisen haben bereits begonnen, die Sacharosewand zu verspeisen. Wie die Kultur der Ureinwohner werden auch ihre Bilder nach und nach verschwinden. Bis 28. März, Augustenstr. 87-89, Di-Sa 14-19 Uhr.



LIFT Stuttgart, Februar 2009

Auf der großen, post-industriellen Ausstellungsfläche findet besonders zeitgenössische Kunst ihren Platz. Identität, Individualität und Objektivierung - das sind die Themen von Shady El Noshokatys Ausstellung "Stammer, A Lecture in Theory". Die Zeichnungen sind Rekonstruktionen aus dem Gedächtnis des Künstlers. Die Motive: Traumelemente, Angst und Mythen. Der stetige Prozess der Verwandlung steht bei Gabriel Rossell Santillán im Mittelpunkt. In "Wirraritari, rundherum die Wüste" verbindet er geschichtliche und kulturelle Inhalte mit der Charakteristik des jeweiligen künstlerischen Mediums und Materials.



LIFT Stuttgart, Februar 2009

Gabriel Rossell Santillán. Shady El Noshokaty.



Kunst

PRINZ STUTTGART, Februar 2009

Gabriel Rossell Santillán. Shady El Noshokaty. Gabriel Rossell Santillán setzt sich in seinen Fotografien, Videos, Objekten und Installationen mit der Transformation kulturellen Wissens auseinander. Shady El Noshokaty versucht sich mit Zeichnung und Video an Rekonstruktionen seines Gedächtnisses.



PRINZ Stuttgart, Januar 2009

Matthias Köster, ein ehemaliger Schüler von Gotthard Graubner und Markus Lüpertz an der Kunstakademie Düsseldorf, gehört zu den führenden Vertretern der modernen Kunst in Deutschland. Seine jetzt bei Parrotta präsentierten Gemälde widmen sich den Figuren aus "Eyes Wide Shut" und Bildern der aktuellen Medienkultur. Für Fans von: Apollinaire, Arthur Schnitzler, Stanley Kubrick, Markus Lüpertz, Gotthard Graubner. Parrotta Contemporary Art, Augustenstr. 87-89, bis 31.1., Di-Sa 14-19 Uhr.



LIFT Stuttgart, Januar 2009

Es war Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", die den Regisseur Stanley Kubrik zu seinem letzten Film "Eyes Wide Shut" inspirierte. Just diesen Titel wählt der Maler Matthias Köster für seine Schau in der Galerie Sandro Parrotta. In Kubricks Film wird vor allem mit männlichen Fantasien zwischen Traum und Realität gespielt, in Kösters popfarbener Malerei tanzt der Pinsel auf dem Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit. (bis 31.1. Galerie Sandro Parrotta, www.parrotta.de)



Stuttgarter Zeitung, 19. Dezember 2008

Von Georg Leisten. Lidy Jacobs und Matthias Köster in der Galerie Parrotta. Wie die Erlösten des Jüngsten Gerichts hebt es sie gen Himmel - obschon sie eigentlich nicht mittendrin sind im sündigen Treiben. Aus Pornoheftchen hat Lidy Jacobs die kopulierenden Paare ausgeschnitten, die da in einer barocken Figurenwolke die Schwerkraft überwunden haben. Die Hinterglascollagen der niederländischen Künstlerin lassen vom Vorlagentrash kaum mehr als Umriss- und ein paar Binnenkonturen übrig, so dass man zunächst an eine Zeichnung denken könnte. In ihren Körperchoreografien vertauscht die 1959 geborene Rotterdamerin nicht nur das Heilige und das Profane, sondern auch das Männliche und das Weibliche. Inmitten einer Richtstätte, die von freizügigen Motorradfahrern nebst nackten Miezen bevölkert wird, erhebt sich das Marterholz mit einem femininen Christus: Kreuzigung als Gendercrossing. Neben diesen opulenten Schnippelkunstwerken hat Jacobs auch ihr eigenwilliges Kuscheltiersortiment mit in die Galerie Parrotta gebracht. Aus Mantel- beziehungsweise Sofastoff schneiderte sich die Künstlerin bizarre Schmuseskulpturen: Mischwesen zwischen Einhorn, Hase, Hund und Mensch provozieren mit ihren grotesk betonten Genitalien die Geschlechtslosigkeit der traditionellen Spielzeugwelt. Begleitend dazu klappt Matthias Köster ein paar seiner monumentalen Aluminiumtafeln auf. In grellbunter Schnellmalerei, durchsetzt von silbermetallisch blitzenden Aussparungen, zitiert der Düsseldorfer Schüler von Markus Lüpertz erotische Stereotype aus Film und Werbung. Bis 31. Januar, Augustenstraße 87-89, Di-Sa 14-19 Uhr, 24. Dezember bis 10. Januar geschlossen.



Stuttgarter Nachrichten, 18. Dezember 2008

Von Rainer Vogt. Matthias Köster und Lidy Jacobs bei Parrotta Contemporary Art. - Lidy Jacobs' libidinös gespeiste Sehnsucht nach Nähe teilt sich in einer Serie fotografischer Selbstbildnisse hautnah mit, in der die holländische Künstlerin in Unterwäsche zusammen mit allerlei Stofftieren posiert, die sie sammelt. Ob das weiße oder blaue Kaninchen, der brauner Bär und das weiße Schaf den Hunger nach Glück stillen, steht dahin. "Es wird nicht gestreichelt, obwohl die Haut am empfindlichsten ist", sagt Lidy Jacobs über die pornografischen Aufnahmen, aus denen sie großformatige Collagen klebt. Dem eigentlich nackten Gewimmel raubt die Künstlerin alle Sinnlichkeit, indem sie aus den Hautpartien Löcher ausschneidet und lediglich Konturen stehen lässt. Gerde deswegen erinnern die Orgien aber an barocke Höllensturz-Visionen, in denen etwas Rubens seiner Lust an bizarren Aktivistinnen die Zügel schießen ließ. Weniger melancholisch und viel unbeschwerter weiß Matthias Köster, Graubner- und Lüpertz-Schüler, aufgeheizte Erotik in Szene zu setzen. Es sind vom Film inspirierte Szenen, die der Düsseldorfer mit leichter Hand auf riesige Aluminiumflächen bannt. Der voyeuristische Blick auf Schlüpfriges wird konterkariert von kunsthistorischen Zitaten. Elegant und mit viel Elan stilisierte Ornamente besorgen Überblendungseffekte, die den Film-Stills gleichsam Beine machen.



Reflect Stuttgart, Nr.6, 2008

Die Künstlerin Lidy Jacobs anonymisiert, was an körperlichem Exhibitionismus nicht zu übertreffen ist, und zerstört die asexuellen Erinnerungen unserer Kindheit. Sie schneidet pornografischen Persönlichkeiten eben jene heraus und reduziert sie in ihren Collagen auf konturenhafte Gerippe, um ihnen eine neue Identität in einer organischen Einheit zu verpassen. Plüschtiere, installiert in Sexschaukeln mit überstilisierten Geschlechtsteilen und ein weicher phallischer Streichelzoo verdrängen die Unbekümmertheit von Winnie Pooh und Tigger.



Reflect Stuttgart, Nr.6, 2008

Die Künstlerin Lidy Jacobs anonymisiert, was an körperlichem Exhibitionismus nicht zu übertreffen ist, und zerstört die asexuellen Erinnerungen unserer Kindheit. Sie schneidet pornografischen Persönlichkeiten eben jene heraus und reduziert sie in ihren Collagen auf konturenhafte Gerippe, um ihnen eine neue Identität in einer organischen Einheit zu verpassen. Plüschtiere, installiert in Sexschaukeln mit überstilisierten Geschlechtsteilen und ein weicher phallischer Streichelzoo verdrängen die Unbekümmertheit von Winnie Pooh und Tigger.



Stuttgarter Zeitung, 14. November 2008

Von Georg Leisten. Kratzspuren, Fingerabdrücke: mikroskopisch besehen, müssen Kontaktlinsen einiges aushalten. Doch wenn Judith Fegerl sie mit dem Laserstrahl abtastet, dann sind es gerade diese Gebrauchsspuren, die kosmisch schöne Projektionsbilder ergeben. In den Kunstmaschinen der jungen Österreicherin wird der menschliche Körper technisch aufgerüstet. Mal sträubt sich die Mähne eines Perückenkopfes, mal bringt ein manipuliertes Metronom den abgetrennten Pferdeschwanz der Künstlerin zum Wippen. Langer Haare kurzer Sinn: eine tolle Ausstellung in der Galerie Parrotta. (bis 29. November, Augustenstr. 87-89, Di-Sa 14-19 Uhr.)



Stuttgarter Nachrichten, 12. November 2008

Von Rainer Vogt. Mit der Erfindung von Werkzeugen erweiterte die Menschheit von Anfang an ihre körperlichen Grenzen. Die hybriden kinetisch-mechanischen Apparaturen von Judith Fegerl in der Galerie Parrotta machen auf eigene Weise auf den folgenreichen Pakt zwischen Mensch und Maschine aufmerksam. Dabei lässt sich die schon einmal in Stuttgart gezeigte "Galatean Heritage" als ironisch inszenierte Parodie auf die zum Fetisch gewordene Produktivität deuten. Die Rundstrickmaschine bringt bei extrem verlangsamter Geschwindigkeit wulstige Gebilde hervor, die durch ständiges Drehen und Pressen entstehend und fast unappetitliche Assoziationen wecken, würde die gestrickte Schafwolle nicht mit ihrer biomorphen Gestalt versöhnen. Spektakulär im Doppelsinn der Spannung auch das "Tension Object". Ängstigen wir uns, stehen uns die Haare zu Berge. Ähnlich haarsträubenden Effekt erzielt die Wienerin mit elektrischer Hochspannung. Rings um eine Keramikkugel applizierte Haarsträhnen richten sich unter dem Einfluss elektrischer Ladung auf und bilden, beleuchtete, einen Strahlenkranz. "Read Only Memory" heißt die Installation, die mit Laserlicht die täglichen Spuren einer Kontaktlinse "liest" und sichtbar macht. Entsprechend belichtete Fotopapiere füllen eine Wand. Dass Biorhythmen flexibel ticken und Maschinentakt stur derselbe bleibt, führt Fegerl doppelt vor. Der "Schwimmer im Tränensee" ist nicht zu fassen, doch auch beileibe nicht zum Weinen.



Diese Woche, Kunst

Stuttgarter Zeitung, 29. September 2008

Das große Eröffnungswochenende ist vorbei: Jetzt kann man ganz in Ruhe die neue Matisse-Ausstellung in der Staatsgalerie anschauen. Die Kunsthalle Göppingen widmet sich dem Künstler und Videopionier Les Levin, in der neuen Galerie Stihl in Waiblingen werden Radierungen von Rembrandt gezeigt. /.../ Frischen Wind gibt es in dieser beschaulichen Woche nur in der Galerie Parrotta. Die Künstlerin Simone Westerwinter will ihre aktuelle Ausstellung "Sweet Structure" rund um den Jahrmarkt etwas auffrischen - zur Neuhängung gibt sie am Dienstagabend noch einmal eine Performance.



FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. September 2008

Von Rose-Maria Gropp. Die Stuttgarter Galerien blasen am Saisonstart zum "art alarm". Auch Stuttgart hat einen Saisonstart hingelegt in diesem Monat. Unter dem Motto "art alarm" ist man, im neunten Jahr der gemeinsamen Vernissagen, an dem Anspruch gewachsen, eine Stadt auch der zeitgenössischen Kunst zu sein. 24 Galerien sind beteiligt, und in dem kleinen Heft zum Galerierundgang erinnert Veit Görner, Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover und Exil-Stuttgarter, ohne Ranküne an prominente Abgewanderte - Max Hetzler oder Tanja Grunert, heute in Berlin und New York, Luis Campaña oder Bernd Hammelehle, heute in Köln. Da lässt sich in Stuttgart also offenbar einiges machen. Ohnehin sind wichtige Galerien in der Stadt geblieben, /.../ Ins Zeitgenössische traut sich Stuttgart durchaus auch, gewiss auch beflügelt durch den starken Kubus des Kunstmuseums, das alle Provinzialität verabschiedet hat; derzeit kann man sich dort mit dem Szene-Star und Lehrer an der Stuttgarter Akademie Christian Jankowski auseinandersetzen. Im Galerienhaus in der Breitscheidstraße wird noch am Modell Gegenwart gearbeitet (bis 31. Oktober): mit dem durchaus sehenswerten Erstauftritt von Roland Dostal in der 14-1 Galerie, in der Galerie Naumann mit Stephan Weitzel - und mit besonders schönem Erfolg bei der Galerie Merkle, wo Thomas Putze einen anarchischen Zoo installiert hat, seine Skulpturen als Hybride zwischen Dada und Kettensäge (Preise 150 bis 1700 Euro). Empfohlen sei endlich der Gang zu Parrotta Contemporary Art, wo sich (bis 17. Oktober) drei Künstlerinnen - Elodie Pong, Simone Westerwinter und Susanne M. Winterling - auf je eigene Weise in Video, Performance, Malerei und Installation angriffslustig mit Identität herumschlagen - und nicht bloß mit der weiblichen.



Prinz Stuttgart, Oktober 2008

Aktuelle Tendenzen in Malerei, Fotografie, Video- und Installationskunst. Simone Westerwinter, Elodie Pong und Susanne M. Winterling bei Sandro Angelo Parrotta. Herein spaziert in die Welt der Simone Westerwinter, die Welt der rosa Oberflächen und hellblauen Oberflächlichkeiten. Ob blaues Auge im Boxring oder Süße des Seins frisch serviert mit Zuckerbrot, bei Sandro A. Parrotta lädt die Stuttgarter Konzeptkünstlerin zur Sinnsuche und gibt mit ihren zarten Zeichnungen und Malereien auf Seide reichlich Entscheidungshilfen. Während unser Universum bei Simone Westerwinter noch durch klare Strukturen zusammengehalten wird, befinden wir uns im Video "After the Empire" von Elodie Pong in einer verlorenen, untergegangenen Welt, bei der Sprache, Zeit und Form nicht mehr zusammenfinden wollen, wenn Karl Marx und Marilyn Monroe vergeblich versuchen zu klären, ob sie sich im Zeitalter der Tragödie oder der Farce bewegen. Um Vergeblichkeit geht es auch Susanne M. Winterling, die den utopischen Tanz und tragischen Tod von Isadora Duncan in der Installation "Isadoras Schal" und in Fotoserien untersucht. Parrotta Contemporary Art, Augustenstr. 87-89, Di-Sa 14-19 Uhr, bis 17.10., www.parrotta.de



Lift Stuttgart, Oktober 2008

Von Wieso. Gesellschaftsverständnis in der Galerie Parrotta. Wenn Karl Marx Marilyn Monroe eine Lehre erteilt und Batman und Pinocchio sich zur selben Zeit am selben Ort aufhalten, dann ist man im falschen Film? Im Gegenteil. Elodie Pong nimmt sich in ihrem fast 14-minütigen Video "After the Empire" der Ambivalenz von Historik und Gegenwart an. Sowohl positiv als auch negativ behaftete Ikonen der Weltgeschichte, die auf verschiedene Weise auf das Leben vieler einwirkten, finden sich vor dem Hintergrund einer zerstörten Industriewelt - einer Fabrik in Hiroshima - wieder. "Die Künstlerin arbeitet auf vielen Ebenen und zeigt, wie mit Geschichte umgegangen werden kann", erklärt Sandro Parrotta, in dessen Galerie Pongs Werke zu sehen sind. Aber auch zwei weitere Künstler sind mit Einzelausstellungen in der Galerie vertreten. Basierend auf der Bewegungs- und Bildtheorie der Tänzerin Isadora Duncan versucht Susanne Winterling in "Isadoras Schal" mittels Fotografie Bewegung einzufrieren. Zusätzlich positioniert sie drei Puppen mit selbst entworfenem Kostüm auf einer Bühne - eine Referenz an Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett". Zu guter letzt zeigt Simone Westerwinter in "Sweet Structures" nicht nur abstrakte Malerei sondern auch figurative und ornamentale Werke aus Seide. Durch diese Auswahl an Materialität will sie auf die verschiedenen Arten der Oberflächenstruktur aufmerksam machen. Auch wenn auf den ersten Blick kein Zusammenhang zwischen den Ausstellungen bestehen mag, auf den zweiten Blick gibt es ihn doch: Drei Frauen und ihr Verständnis ihrer Rolle in der Gesellschaft, vermittelt auf drei verschiedenen Arten der Darstellungskunst - Film, Malerei, und Fotografie. Pong/Winterling/Westerwinter bis 17.10., Parrotta Contemporary Art, S-West, www.parrotta.de



Stuttgarter Zeitung, 27. September 2008

Von Georg Leisten. Westerwinter, Winterling und Pong in Galerie Parrotta. Die Installation in der Galerie Parrotta birgt ein süßes Geheimnis. Simone Westerwinters improvisierter Jahrmarktsstand nämlich verspricht Gaumenfreuden in Form von Zuckerwatte. Wer aber von der klebrigen Leckerei kosten möchte, schmeckt auch die Faust. Denn Boxhandschuhe liegen schon bereit. In der Eröffnungsperformance schminkte die Stuttgarter Künstlerin den Besuchern die dazugehörigen Veilchen. Auch einige Werbeblondinen auf den Gemälden ziert ein blau geprügeltes Auge. "Sweet structures" nennt Westerwinter die vielteilige Arbeit, deren thematische Konstruktion von Gegensätzen ein bisschen zu gewollt wirkt. Naschwerk und Blessur (oder sprichwörtlich: Zuckerbrot und Peitsche) heißen die Pole der binären Logik, die sich in zwei monochromen Bildern mit der Aufschrift "Yes" beziehungsweise "No" verdichten. Auch die beiden anderen Künstlerinnen der Schau vermochten nicht richtig zu überzeugen. Susanne M. Winterlings Rechercheprojekt "Isadoras Schal" bietet Kostümentwürfe nebst Fotografien auf, um Erinnerungen an die Tranzrebellin Isadora Duncan mit Referenzen an Kasimir Malewitsch und Oskar Schlemmer zu verknüpfen. Witziger scheint da zunächst der Videofilm von Elodie Pong, wenn er mit Versatzstücken aus Geschichte und Popkultur spielt. Doch ob nun Marilyn Monroe auf Karl Marx trifft, ein drittklassiger Elvis-Imitator tiefsinnige Monologe aufsagt oder sich Pinocchio eine Portion Koks in die Lügennase zieht - auch hier erstarrt die Ironie zum Handwerk. Bis 17. Oktober. Augustenstr. 87 bis 89, Dienstag bis Samstag 14 bis 19 Uhr.



PRINZ Stuttgart, September 2008

Von fs. Zum Saisonstart 2008/2009 - Auf drei Taxi-Touren unterwegs zur Kunst. Am 13. und 14. September ist es wieder soweit: "art alarm" in Stuttgart. bei der Saisoneröffnung laden 24 Galerien für zeitgenössische Kunst zu einer Entdeckungstour der besonderen Art ein. Die Kulturbegeisterten werden kostenlos von der Planie am Alten Schloss per Taxi zu den verschiedenen Galerien geshuttelt und begegnen Kunst und Künstlern in lässiger Atmosphäre. Wer sich für die Taxi-Tour B entscheidet, lernt auch gleich die drei Neuen kennen: Galerie Klaus Gerrit Friese, Galerie Anja Rumig und Parrotta Contemporary Art: ein Highlight ist hier die Performance "Sweet structure" (Foto) mit Simone Westerwinter am Samstag, um 19.30 Uhr. Mit Musik, Lesung oder Künstlergesprächen wird Kunst aber auch in den anderen Galerien vor Ort lebendig vermittelt. Nach soviel Alarm lassen die Artfans den Samstag dann ab 20.30 Uhr bei einem Glas Sekt gemeinsam mit Sammlern, Künstlern, Kuratoren und Galeristen im Restaurant "Gast" (Staatsgalerie Stuttgart) kunstvoll ausklingen.



Simone Westerwinter, Stuttgarterin schafft Kunst der Gegensätze

Stuttgarter Zeitung Online, 16. September 2008

Von Christian Fahrenbach, dpa, Stuttgart -­ "Yes" oder "No"? Wer das Atelier im obersten Stockwerk eines ausgedienten Fabrikgebäudes im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach betritt, dem fallen sofort die beiden riesigen Bilder "Structure 1" und "Structure 2" auf, die an einer Wand lehnen. Mannshoch und von sanftem Rosa geprägt steht das eine da. Darauf, weiß getupft und glitzernd die beiden Buchstaben "NO". Daneben, eine noch größere Leinwand, von Hellblau dominiert, auf dem bereits die erste weiße Schicht "YES" aufgetragen ist. Doch da ist noch mehr zu sehen, auf den Bildern der Stuttgarter Künstlerin Simone Westerwinter. Unter den satten Farbflächen liegen weitere Formen. Das Rosa deckt das Nein-Bild längst nicht gleichmäßig ab und auch unter der hellblauen Grundierung des "YES" scheinen deutlich Kreisfragmente in stärkerem Blau und Grau. "Meine Arbeit hat zunächst immer etwas Einladendes", erläutert Westerwinter. "Ich habe viel mit dem "Ja" gearbeitet. Das wirkt sehr konkret, sofort ist Kommunikation da. Aber wenn es dann keinen Inhalt dahinter gibt, der sofort erklärt wird, ist das "Ja" unglaublich abstrakt", führt die zierliche 47-Jährige aus. "Das ist gleichzeitig Struktur und Abstraktion pur." Beim Blick auf Westerwinters Werke stößt der Betrachter immer wieder auf solche Gegensätze. Wahrscheinlich bestimmen aber gerade die Räume ihre Arbeit, die zwischen zwei Polen entstehen, eben die darunter liegenden Schichten. Was passiert, wenn die Alltagsgeste Händedruck zum Aktionskunstwerk ("Unsere Skulptur", 2005, Sammlung Kunstmuseum Stuttgart) erklärt wird? Wie verhalten sich Besucher einer Vernissage, wenn sie durch eine Clownin ("Clownimone- performance", seit 1999) zur Polonaise animiert werden? Oder warum kaufen Menschen Porträts, auf denen nicht das individuelle Gesicht, sondern nur der unpersönliche Name des Porträtierten ("Namensaquarelle", seit 1996) steht? "Wenn man Konzeptkünstlerin ist, hat man eine Grundlinie und ist auf der Suche nach Innovationen", erklärt Westerwinter das Festhalten an einem Schwerpunkt. Das scheint sich für die Stuttgarterin auszuzahlen, immerhin gehören zu ihren Kunden auch Daimler-Chrysler, das Robert-Bosch-Krankenhaus oder das Kunstmuseum Stuttgart. Dort hängt von ihr ein über mehrere Etagen ausgebreitetes Bild aus Flokatiteppich ("84 qm beste Lage", 2005). "Ich kann mir meine Themen selber aussuchen, das ist ein Geschenk", sagt Westerwinter, die seit Ende des Kunststudiums 1991 als freischaffende Künstlerin arbeitet. Sie schätze es sehr, nicht fremdbestimmt zu sein, man müsse es aber auch aushalten können, "vor dem Nichts zu stehen." Bei ihren neuesten Werken hat sie zum ersten Mal figürlich gearbeitet. Unter dem Motto "Sweet Structures" wird sie ab Mitte September zusammen mit zwei anderen Künstlern in der Stuttgarter Galerie Parrotta einen Teil ihres Werkes ausstellen. Zu sehen sind neben "Structure 1" und "Structure 2" auch Bilder mit nackten, modellhaften Frauen, die aber gleichzeitig Boxhandschuhe tragen. "Auch hier wieder ein Gegensatz: Schönheit und Boxen", erläutert Westerwinter. Als sie schließlich gebeten wird, für den Fotografen zu posieren, zeigt sich, was für Westerwinter Konzeptkunst bedeutet. Flugs macht sie sich selbst zum Kunstwerk, streift sich in Anlehnung an die Models auf ihren Bildern einen herumliegenden Boxhandschuh um und schminkt sich ein Auge blau. "Meine Maltechnik macht auch vor mir nicht halt", erklärt Westerwinter mit einem fröhlichen Lachen. In diesem Moment zeigt sich ein wenig, warum Westerwinter für sich wohl meist das "Ja" dem "Nein" vorzieht.



Stuttgarter Nachrichten, 16. September 2008

Von mir. "Ortstermin" beim Art-Alarm. Sie sind Einzelkämpfer und treten doch gemeinsam auf, sie streiten für etwas, das nur zu gerne in die Ecke des Modischen einerseits geschoben wird. Und doch sprechen sie vom "Traumberuf". Galeristinnen und Galeristen in Stuttgart sehen sich "keineswegs als Träumer", wie Anja Rumig beim "Ortstermin" unserer Zeitung beim Galeriewochenende Art-Alarm betont. Vergangenen Mittwoch erst hat Rumig in der Ludwigstraße 72 ihre eigenen Galerieräume eröffnet - nun stärkt sie die Ausstellungsachse im Stuttgarter Westen. Sandro Parrotta agiert in der Augustenstr 87 gar auf durchschnittlicher Kunstvereinsgröße - wie auch Klaus Gerrit Friese in der Rotebühlstraße 87. "Die haben Mut", staunen die "Ortstermin"-Teilnehmer - und die Galeristen zeigen sich ihrerseits "überrascht, wie viele 'Nachrichten'-Leser sich für Kunst interessieren". "In der Gruppe macht es einfach mehr Spaß", ist noch zu hören - dann geht es in die Breitscheidstraße 48 und zu den Galerien 14-1, Naumann und Merkle. Diskussion hin, Gruppendynamik her - kritische Einzelblicke wie hier in der Zeugnisse der Zuckerwattenproduktion von Simone Westerwinter in der Galerie Parrotta gehören auch beim Ortstermin zur Kunstbetrachtung.



Art-Alarm mit Filmen und Performances

Stuttgarter Nachrichten, 13. September 2008

Heute (11 bis 20 Uhr) und am morgigen Sonntag (11 bis 18 Uhr) rufen 24 Stuttgarter Privatgalerien zum Art-Alarm. Es gibt viel zu sehen und zu diskutieren. In der Gruppe gibt es noch mehr Impulse - ein guter Grund für unsere Zeitung, in unsere Reihe "Ortstermin" heute eine exklusive Führung anzubieten. Start ist um 11 Uhr in der Galerie Parrotta (Augustenstraße 87). Aber es gibt noch mehr Art-Alarm-Verlockungen. ... Taxitouren ... Eröffnungen ... Sonderveranstaltungen ... Eine Performance gibt es um 19.30 Uhr auch bei Parrotta (Augustenstraße 87) - von und mit Simone Westerwinter.



Stuttgarter Zeitung, 12. September 2008

Von Georg Leisten. Mit Art-Alarm wird der Kunstherbst eingeläutet. Am Wochenende laden die Stuttgarter Galerien wieder zum Streifzug durch die neuen Ausstellungen ein. Kunstfreaks hört die Signale! Morgen herrscht wieder Art Alarm: Zum neunten Mal läutet die Stuttgarter Galerieszene mit einem Ausstellungsmarathon den Beginn der neuen Kunstsaison ein. Morgen und am Sonntag steigt das große Vernissagen-Wochenende, das diesmal neben den insgesamt vierundzwanzig Einzel- und Gruppenpräsentationen auch einige lohnenswerte Sonderveranstaltungen wie Lesungen, Performances oder Filmvorführungen im randvollen Programm hat. Sichtbarster Ausdruck der Vernetzung ist wie jedes Jahr der kostenlose Taxishuttle. Auf festgelegten Strecken werden fast alle beteiligten Galerien angesteuert. ... Bereits seit einem Jahr ist die Galerie Parrotta in der Augustenstraße aktiv. Für ihre Art-Alarm-Premiere bietet sie Ironisches von Simone Westerwinter sowie Susanne Winterling und Elodie Pong auf. ... Summa summarum also verspricht auch dieser Art Alarm, eine spannende Rundreise durch Stuttgarts Galerielandschaft zu werden: Man driftet von Ausstellung zu Ausstellung, von Figürlichem zu Abstraktem und vom Platzhirsch zum Newcomer.



Stuttgarter Nachrichten, 10. September 2008

Wieder "Ortstermin" - Mit uns exklusiv zum Galeriensamstag Art-Alarm - Start bei Parrotta. Wie sieht es hinter den Kulissen der Kulturinstitutionen der Region aus? Unsere Reihe "Ortstermin" gibt Einblicke. An diesem Samstag, 13. September, sind wir von 11 Uhr an in sechs Privatgalerien zu Gast. Anlass ist das Galeriewochenende Art-Alarm. ... 24 Privatgalerien sind beim Art-Alarm beteiligt - sechs Stationen werden wir beim "Ortstermin" am Samstag besuchen. Start ist um 11 Uhr in der Galerie Parrotta Contemporary Art (Augustenstraße 87, S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße). Dort präsentiert Sandro Parrotta neue Arbeiten von Elodie Pong und Susanne M. Winterling. Zudem darf man sich auf neue Werke von Simone Westerwinter freuen. Eröffnet wird die Schau am Donnerstag um 19 Uhr. ...



Grußwort von Dr. Veit Görner, Art-Alarm Broschur September 2008

Nur die wenigstens wissen, wie wichtig Stuttgarter Galerien für die Förderung zeitgenössischer Kunst in Deutschland sind. In den 60er Jahren gehörte Hans Jürgen Müller zu den Initiatoren der Art Cologne, die er eigentlich in Stuttgart haben wollte. Hans Mayer, heute Düsseldorf, begann in den 60er Jahren in Esslingen. Europa 79 war eine Initialzündung für einen neuen Aufbruch; Max Hetzler und Achim Kubinski, heute Berlin; Tanja Grunert, heute New York. Viele Galeristen haben hier begonnen, um später in anderen Städten, in Kunstmetropolen ihren wirtschaftlichen Erfolg zu suchen. Luis Campagna oder Sven Arhens und Bernd Hammelehle, heute in Köln. Natürlich schmerzt es, dass wir nicht alle Talente in Stuttgart halten konnten, aber es beruhigt auch zu wissen, dass Stuttgart ein Nährboden für kulturelle Köpfe ist. Staatsgalerie, Kunstmuseum, Kunstverein und Künstlerhaus sind mit ihren Ausstellungen auch international gut aufgestellt und bringen Weltkunst nach Stuttgart. Die Kunstakademie und die Akademie Schloss Solitude sind wichtige und anerkannte Ausbildungszentren für Kunstschaffende aller Disziplinen. Für mich als Exil-Stuttgarter ist es immer wieder eine Freude, hoffnungsvolle, junge und mutige Galerien und Ausstellungsprojekte zu besuchen, die in dieser Stadt erste Schritte wagen und junge Kunst eine Chance geben. Zuletzt haben mir Sandro Angelo Parrotta und Mario Strelzki sehr gefallen. In seiner Deck Galerie haben meine Kuratoren Pat Rosenmeier und Philipp Haager entdeckt, die wir jetzt, neben 20 anderen internationalen Künstlerinnen und Künstlern in der Ausstellung back to black in der Kestnergesellschaft Hannover zeigen. Mein nächster Besuch wird mich zu Vero Wollmann und natürlich zu den vielen guten Freunden aus gemeinsamer Zeit in Stuttgart führen. Sie alle sind beim art-alarm dabei. Hier lebt die Kunst - hier zeigt Stuttgart kulturelle Lebensqualität bester Güte. Ich bin ein Stuttgarter - würde jemand gesagt haben. Dr. Veit Görner, Direktor der Kestnergesellschaft in Hannover.

Art Alarm

Informationsdienst Kunst, 21. August 2008

24 Galerien beteiligen sich in diesem Jahr am 9. Art Alarm, organisiert vom Verein Initiative Stuttgarter Galerien zeitgenössischer Kunst (www.art-alarm.de). Am 13. und 14. September bündeln die Mitwirkenden ihre Vernissagen und Ausstellungen - Taxi-Shuttles sorgen für rasche Verbindungen zwischen den einzelnen Stadtteilen. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf die im Stuttgarter Westen niedergelassenen Neuzugänge, Parrotta Contemporary Art und die Galerie Anja Rumig, die beim Art Alarm ihre Türen öffnet.



Galerien laden wieder zum Art Alarm ein

Stuttgarter Zeitung, Online, 8. August 2008

Text: adr Nicht nur auf der Straße, auch in den Köpfen wollen die Stuttgarter Galeristen vernetzen. Deshalb veranstalten sie am 13. und 14. September wieder den Art Alarm. An diesem Wochenende fahren kostenlose Shuttlebusse 24 Galerien der Stadt an, in denen ese nicht nur Ausstellungen, sondern auch ein spezielles Kulturprogramm geben wird. Neu dabei sind die Galerie Parrotta Contemporary Art und die Galerie Anja Rumig, die am Art-Alarm-Wochenende eröffnet und in der Ludwigstraße 73 ihre Räume haben wird. Neben den Ausstellungen werden in den beteiligten Galerien Künstlergespräche stattfinden und Filme gezeigt. Am Samstagabend wird gemeinsam gefeiert im Restaurant Gast in der Staatsgalerie.



Kunstmagazin>Magazine d'Art, August/September 2008

Seit neun Jahren Ausnahmezustand: Am Stuttgarter Art Alarm eröffnen in diesem Jahr Ausstellungen in 24 Galerien Text: Annette Hoffmann ... Gleich mit drei Künstlerinnen beginnt Stuttgarts Neuzugang, Parrotta Contemporary Art, die Saison. So zeigt Sandro Angelo Parrotta in der Augustenstraße Werke von Elodie Pong, Simone Westerwinter und Susanne Winterling. Wie die Schweizerin Elodie Pong so befasst sich auch Susanne Winterling mit weiblichen Rollenmustern. In ihren Videos und Performances setzt sie sich mit Erotik, körperlicher und seelischer Verletzbarkeit auseinander. ...

LIFT Stuttgart, 30. Juli 2008

Raumkonzept: Nur noch heute und morgen ist das ausdrucksstarke Raumkonzept des Stuttgarter Architekten Alexander Brenner in der Galerie Parrotta zu sehen. Mit einem Konzept, dass er zusammen mit seinem Team an Geschichte und Voraussetzungen der Galerie angepasst hat, präsentiert er ausgewählte Projekte unter dem überraschenden Titel Houses.

HOME Magazine, Juli/August 2008

Diese Events gehören im Juli und August in jeden Terminkalender. Bau-Schau: Der Architekt Alexander Brenner zeigt seine Projekte in der Galerie Parrotta in Stuttgart und Berlin. Alexander Brenner im Interview mit Cordula Rau. Redaktion: Lioba Groth, Judith Jenner Was war für Sie wichtig, als Sie die Räume der Galerie Parrotta gestalteten? Der als solches schon faszinierende ehemalige Fabrikraum blieb in allen seinen Eigenheiten und den Spuren seiner Geschichte erhalten. Vor die bestehenden Wände wurden weiße Wandscheiben installiert, die keine Berührung zum Bestand haben. Sie sind in allen Ebenen von diesem losgelöst. Sie sind die Leinwand auf denen, oder vor denen die Exponate gebracht werden. Durch den authentischen Fabrikraum und die neu eingebrachten, präzis geformten Wandscheiben entsteht ein Raum mit einer neuen eigenständigen Struktur. Welche Projekte zeigt die Ausstellung? Die eigens für die Ausstellung in dieser Galerie geschaffenen Bildtafeln zeigen gebaute und auch in Planung befindliche Projekte in einer sehr kontrastreichen Schwarz-Weiß-Umsetzung. Die Plastizität der Baukörper wird durch die Darstellung deutlich sichtbar. Darüber hinaus werden die Projekte in einem zur Essenz abstrahierten Kontext dargestellt. Inwiefern korrespondieren die Exponate mit den Galerieräumen? Der bestehende Fabrikraum wurde, so wie vorgefunden, in ein mattes Schwarz getaucht. Dieser schwarze Hintergrund wird von den davor schwebenden weißen Wandscheiben überlagert, ohne, dass die Geschichte des Raumes verdeckt wird. Die Bildtafeln mit unseren Projekten werden als dritte Schicht vor die Wandscheiben vorgelagert und beziehen sich mit ihrem deutlichen Schwarz-Weiß auf die bestehende farbliche Dualität des Gesamtraumes. Gibt es verbindende Elemente, die alle Ihre Projekte auszeichnen? Allen Bauwerken ist die plastisch skulpturale Ausformung, deren Durchgängigkeit und Qualität gemein. Sowohl im Großen, als auch im Kleinen erfolgt durch die präzis formulierten Schnitte eine klare Lesbarkeit der einzelnen kubischen Körper. Sie zusammen bilden, gleichsam den einzelnen Mitgliedern eines Orchesters, das fein rhythmisierte Raumkontinuum. Jeder Körper und jedes Element, ob hell-dunkel, leicht-schwer, eng oder weit wird in seiner Eigenheit thematisiert. Mit der Präzisierung und Formulierung dieser Gegensätze entsteht ein Ganzes, dessen Kraft beruhigt und dessen Ruhe bewegt.

Stuttgarter Zeitung, 18. Juli 2008

Der Architekt Alexander Brenner in der Galerie Parrotta Text: Dietrich Heißenbüttel Ein klares Bekenntnis zu nüchternem Schwarz-Weiß kennzeichnet nicht nur die von Alexander Brenner gestalteten Räume der Galerie Parrotta, sondern auch die grafischen Arbeiten des Stuttgarter Architekten, die derzeit dort ausgestellt sind. Brenner zeigt digitale Plots eigener Bauwerke, aufgezogen auf Holztafeln. Diese Bauten, ausnahmslos Wohnhäuser, stehen in der Tradition der klassischen Moderne. Wie in der niederländischen De-Stijl-Bewegung dominieren rechtwinklige Bänder, Quader und Scheiben, ineinander gesteckt und weiß verputzt. Wo Balkonbrüstungen und Dachkanten Schatten werfen, ist das reine Schwarz-Weiß schon im Bau angelegt. Gleichwohl handelt es sich hier nicht einfach um eine Präsentation von Architektur, sondern um eine Ästhetisierung. Die Bilder stehen für sich, losgelöst von dem Gebäude, das sie darstellen. Brenner kappt eher noch die Verbindung zum ursprünglichen Objekt, indem er Kurznamen wie Miki vergibt, die nur eingeweihte auf den Mittleren Kirchhaldenweg in Botnang hinweisen. Und genau genommen gleichen sich die Gebäude alle einwenig. Dafür gibt es reizvolle Effekte, die aus der nachträglichen Bearbeitung der Umgebung entstehen: ein aufgerissener Abendwolkenhimmel oder eine Straßenbahn in Bewegung. In seiner reinen Flächigkeit evoziert das Schwarz-Weiß eine starke räumliche Wirkung. Wie in grelles Licht getaucht wirken die Gebäude – und dazu gehört eben der Schatten.



TAZ BERLIN, 9. Juli 2008

Erinnerungsfotos bekommen schnell etwas Heimeliges: Vergangene Ereignisse werden aus den Zusammenhängen gerissen und beschönigen nicht selten die Situation, in denen sie stattgefunden haben. Steffen Osvath dreht mit seinen drastischen Eingriffen, in denen er den ProtagonistInnen gefundener Fotografien die Gesichter wegkratzt oder die Augen löscht, aber nicht einfach das melancholische Bild in ein makabres. Vielmehr stellt er durch die Anonymität der Abgebildeten und seiner künstlerischen Manipulation eine Beziehung zu einer gesellschaftlichen Umgebung her, die im Fotoalbum unsichtbar bleibt.



MONOPOL, Juli-August 2008

Liebe Leser, die Stuttgarter werden gerne unterschätzt. Vor allem von sich selbst. Doch mit dem Bau des gläsernen Kunstmuseums, genau in der Mitte der Stadt, hat Stuttgart nicht nur einen Prunkbau für seine Otto-Dix-Sammlung erhalten, sondern auch ein Symbol, das Stuttgart zu weithin sichtbaren Kunst- und Kulturhauptstadt macht. Das war es natürlich auch schon davor: Architekturfans schwärmen vom Labor der Moderne, die Oper sammelt Preise, Theater und Ballett sind hochgeschätzt. Dass sich die Künste hier so entwickeln, liegt vor allem an dem konzentrierten Publikum, das sich mit der Kultur auseinandersetzt, sie fördert. Man erkennt das auch an den vielen Stiftungen und an den Sammlern, die im Speckgürtel Stuttgarts ihre Museen erbaut haben. Zeit also, neugierig zu werden und Stuttgarts Qualitäten zu entdecken.
Stuttgart wird vieles nachgesagt: Dass es die Stadt der Erfinder sei, der Autobauer und Eigenheimbesitzer. Dass es ein wenig spießig sei und immer besenrein. Gibt es bei all dieser Wohlgeordnetheit auch Freiraum für die Kunst? Es gibt. Ein Rundgang zeigt die Vielseitigkeit der Stuttgarter Kunstszene von den etablierten Institutionen bis zur Subkultur. ... Zeitgenössische Kunst junger Künstler steht in der Galerie Parrotta, die auch einen Ausstellungsraum in Berlin betreibt, im Mittelpunkt. Im September 2007 eröffnete sie die 400 Quadratmeter große Halle, in der alle Tendenzen von Malerei, Videokunst, Grafik und Performance Platz haben. Noch bis zum 4. Juli: Fotografien der Amerikanerin Wendy Ewald im Rahmen von "Play it". Der Architekt Alexander Brenner (12. bis 31. Juli), der das Raumkonzept der Halle entworfen hat, macht anschließend in "Houses and Rooms" die Galerie als Teil der Formensprache der Architektur zum eigentlichen Kunstwerk. ...



Top Magazin, Juli 2008

So mancher Kunstkenner ist immer noch der Meinung, in Sachen Galerien spiele die Musik hauptsächlich in Berlin, Düsseldorf oder Köln. Dass es in den genannten Städten eine ungemeine Ballung an Galerien gibt, steht außer Frage. Aber in den letzten Jahren hat sich auch in Stuttgart viel getan. Und das wird von nationalen wie internationalen Sammlern mehr und mehr entdeckt.
Text: Matthias Gaul
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Über mangelnden Platz kann sich Sandro Parrotta ebenfalls nicht beklagen. Mit 450 Quadratmetern ist seine im September 2007 eröffnete Galerie in der Augustenstraße auch nicht gerade klein geraten. Der studierte Kunsthistoriker und Germanist hat sich für Stuttgart entschieden, weil er hie eine größere Wahrscheinlichkeit sieht, mit seiner gezeigten Kunst wahrgenommen zu werden. "Bei einer großen Konzentration wie in Berlin, Düsseldorf oder Köln besteht immer die Gefahr, dass man untergeht", so Parrotta. Diese Gefahr sieht er in Stuttgart nicht, zumal er sich als Nischenfüller sieht. Sein Hauptaugenmerk gilt avantgardistischer Kunst, die den Betrachter gerne mit unerwarteten Objekten konfrontiert - so etwa eine zur Kunst erklärte Leitplanke, die sich mit 30 Stundenkilometern dreht. Programmatisch bringt er dabei die junge Kunst mit etablierten Künstlern in Berührung, die bereits in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten sind. Parrotta hat im September 2007 zeitgleich mit Stuttgart übrigens noch einen Galerieraum in Berlin eröffnet. Und der soll natürlich auch Sammler auf Stuttgart aufmerksam machen.
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Stuttgarter Zeitung, 13. Juni 2008

Eine Kirche sollte zur Börse werden, ein Platz in Ludwigshafen zur Kuhweide. Und über Luxemburg hätte Victor Kégli gern eine Bombe abwerfen lassen. Keine dieser Aktionen wurde realisiert, doch in der Konzeptkunst zählt vor allem die Idee selbst wenn von monatelanger Arbeit nur der skurrile Formalismus des behördlichen Absageschreibens bleibt. In der Galerie Parrotta breitet Kégli Skizzen und Textdokumente zu seinen nie vollendeten Projekten aus. Auf andere Art unfertig wirken die Arbeiten von Alke Brinkmann, die Portraits von Terroropfern in verwaschener Malerei anonymisiert hat.




Stuttgarter Nachrichten, 11. Juni 2008

Parrotta Contemporary Art präsentiert ein sehenswertes Trio
Ebenso wenig wie im wirklichen Leben alle guten Vorsätze umgesetzt werden, lassen sich in der konzeptuellen Kunst alle Projekte "vollenden". Von Victor Kégli, der in Stuttgart bei Inge Mahn und in Karlsruhe bei Hajek studierte und jetzt in Berlin lebt, werden derzeit bei Parrotta Contemporary Art neun Projekte vorgestellt, die aus unterschiedlichen Gründen, aber ausnahmslos abgesagt wurden. Bei dem Vorhaben, auf dem Berliner Platz in Ludwigshafen Kühe weiden zu lassen, kam die Rinderseuche dazwischen. "Bomb the Bush": Der Plan, über Luxemburg 1995 eine Bombe abzuwerfen, um demonstrativ an die zerstörte Brücke von Mostar zu erinnern, scheiterte an Prinzipien der Bundeswehr. "Ein Kampfflugzeug kriegen Sie, und wenn Sie einen Sprengmeister hinstellen, der genau im richtigen Moment, in dem das Flugzeug darüber fliegt, am Boden eine Ladung zündet, bemerkt kein Mensch den Unterschied", lautete der Kompromissvorschlag. Doch auch Künstler haben Grundsätze. In der Parochialkirche zu Berlin unter der Rubrik "In God we trust" echte Börsengeschäfte abzuwickeln, erschien Börseninsidern unseriös. Der Mammon, wissen die Schlipsträger, ist eine zu ernste Sache. Gewalt ist das auch.
Alke Brinkmann gesellt zu den Opfern, die sie porträtiert, deshalb auch Bildnisse ihrer eigenen Kinder. Gewalt kann jeden Treffen. Das hat der Anschlag vom 11. September 2001 dem öffentlichen Bewusstsein nachhaltig eingeschärft. Während die nach Fotos von New Yorker Opfern gemalten Portraits stark abstrahiert und klein im Format weitgehende Anonymität herstellen, sind Lee Harvey Oswald, der Kennedymörder, Gudrun Ensslin, die RAF-Aktivistin, und Uwe Barschel, der Ex-Ministerpräsident, leicht zu erkennen. Es sind die Umstände ihres Todes, die Rätsel aufgeben.
Der dritte Teil der Ausstellung "Secret Games" der amerikanischen Fotografin Wendy Ewald versteht sich als Beitrag zum Projekt "Play it‚Kunst und Spiel". Das Konzept der Künstlerin trifft ins Schwarze. Seit Jahrzehnten arbeitet sie weltweit mit Kindern, die bis dahin mit dem Medium kaum in Berührung kamen. Sie händigt ihnen Kameras aus und lässt sie ihre Lebenswelt in selbst erarbeiteten Fotoserien reflektieren. Unschuldig geht's auch da nicht zu. "I dreamed I killed my best friend, Ricky Dixon", gesteht Allen Sheperd aus Kentucky. Tatsächlich steckt der Kopf des Kumpels in der Klemme‚zwischen zwei gegabelten Baumstämmen.
Gewalt kann jeden treffen: Bei Parrotta Contemporary Art stellt Alke Brinkmann neben Porträts von Opfern des Terroranschlags von 11. September 2001 Porträts ihrer eigenen Kinder. Abb. (Kind V)




LIFT Stuttgart, April 2008

Einblicke in die Kinderseele: Wendy Ewald lässt Kinder fotografieren. Die Fotos sind erstmals in Europa zu sehen.
Text: Moritz Drung
Seit über dreißig Jahren reist die Fotografin Wendy Ewald um die Welt, um mit ‘Secret Games‚’ ein außergewöhnliches Porträt der Kindheit zu zeichnen: Dabei drücken die Kleinen selbst auf den Auslöser.
Wie oft wünscht man sich, wieder so sorglos zu sein wie in der Kindheit‚ aber war die Kindheit wirklich so unbeschwert? Unglücklicherweise sind gerade die Erinnerungen an diese Zeit meist relativ schwammig. Wendy Ewald, eine 49jährige Fotografin aus den USA, lässt Kinder ihr Leben mit einer simplen, aber wirkungsvollen Methode dokumentieren: Indem sie ihnen das Fotografieren beibringt. Dabei zeigt sich nicht nur, dass die eigenen Erinnerungen wohl doch etwas verblümt sind, sondern auch, dass Kinder schon erstaunlich aussagekräftig gestalten. ‘Die Vorstellungen Erwachsener von Kindern unterscheidet sich davon, wie Kinder wirklich sind. Da sie sich noch nicht so gekonnt ausdrücken, entstehen Vorurteile‚’ erklärte Ewald in der New York Times.
Seit über dreißig Jahren reist sie durch die ganze Welt, um Kindern die Grundlagen der Fotografie beizubringen. So sollen sie Träume, Ängste und Fantasien festhalten können. Als Erläuterung schreiben die jungen Fotografen jeweils einen knappen Satz zu ihren Werken. Die fotografierten Szenen zeichnen sich oft durch eine düstere Atmosphäre aus, wie man sie von Kindern nicht erwartet. So steht auf einem Foto ein Junge auf einem Müllberg, mit Seilen an einen Pfahl gefesselt, und schaut ängstlich zu Boden. Das Bild allein ist schon verstörend‚ der Titel ‘Sebastian wurde acht Stunden lang bestraft’, tut sein Übriges.
Die Ausstellung ‘Secret Games‚’ in der Parrotta Galerie zeigt nun erstmals in Europa die Bilder dieses Projekts. ‘Kinder sind viel enthemmter, auch was das Fotografieren angeht. Sie fotografieren ihre Eltern, wenn sie aus dem Bad kommen‚ Erwachsene hätten da wahrscheinlich moralische Bedenken’, erklärt Sandro Parrotta, Inhaber der Galerie. Als Ewald in Kanada durch ein Indianer-Reservat reiste, schoss sie vorsichtig einige Fotos des indianischen Lebens. Die Kinder, denen sie die Kameras lieh, gingen die Sache direkter an. Sie fotografierten die Arbeitslosen, den Alkoholismus, die Hoffnungslosigkeit des Volkes. Eine Aufnahme zeigt den Häuptling, wie er betrunken versucht, ein Brett zu zersägen. Viele Fotos würden in einer National Geographic-Ausgabe nicht weiter auffallen.
‘Allgemein arbeiten Kinder aber weniger mit dem dokumentarischen Charakter der Fotografie, sondern fotografieren eigene Inszenierungen’, erläutert Parrotta, ‘sie spielen ein Rollenspiel mit der Kamera‚’ Dabei geht die Fantasie in unterschiedlichste Richtungen. So sind träumerische Motive zu sehen, es gibt jedoch auch einige Darstellungen von Aggression und Tod. Das Porträt der Kindheit fällt nicht annähernd so einseitig heiter aus, wie man es erwartet hätte. In Südafrika gab Ewald weißen Kindern den Auftrag zu fotografieren, was sie an ihren Siedlungen nicht mögen. Sie fotografierten schwarze Menschen. Auch das vermitteln die Fotos: Kinder sind nicht immer vorurteilsfreier als ihre Eltern. Manchmal sind sie aber die besseren Fotografen.

Errata: Die Fotos sind nicht erstmals in Europa sondern erstmals in Deutschland zu sehen. Die Ausstellung läuft bis zum 4. Juli 2008.




Stuttgarter Nachrichten, 12. April 2008

Kunst bewegt Stuttgart: Von Thomas Stimm im DSV-Kunstkontor bis Wendy Ewald bei Parrotta
Text: Nikolai B. Forstbauer
Das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien hat schon manche Wandlung erfahren. Die Lage provoziert den künstlerischen Eingriff - das Mumok schließt den Platz des Museumsquartiers ab, zugleich prägt der architektonische Anspruch selbst einen Innenhof aus. Eben dort bläht es derzeit - Kunst macht es möglich. Blumen auf einem Tieflader? Eine Blüte als Schwertransport? Von solchen Ansprächen war der Wiener Objektkünstler Thomas Stimm weit entfernt, als er in kleinem Maßstab Alltagsidyllen in Ton schuf. Doch zugleich ließ er Papiermaché-Landschaften ins Riesenhafte wachsen, deutete sich eine mit der Suche nach dem richtigen Material verbundene Lust an der Intervention im gebauten Raum an. Wetterbeständig und statisch unbedenklich mussten die Werke produziert werden können - Aluminium und Autolack brachten die Lösung. Das Ganze entsteht nun im Einzelnen, und nur höchst selten findet sich eine Stimm-Blume in solch üppig blühender Nachbarschaft wieder wie jetzt in Wiens Museumsquartier. Dass das Einzelne indes auch für sich selbst bestehen kann, zeigen nicht nur die skulpturalen Blütenträume des Wieners, sondern wird auch in seinen Papierarbeiten deutlich. Unverwüstlich wirken auch diese - mit Lackfarbe sind die Papiere gestrichen, ein Farbraum ergibt sich, aus dem heraus in betont kühlem Farbdialog Blumen wachsen. So entsteht auf Papier als Träger etwas, das Bild ist und dass doch zugleich räumliche, objekthafte Qualität gewinnt. Erleben kann man diese Blumenszenerien Thomas Stimms von kommender Woche an im Kunstkontor des Deutschen Sparkassenverlages - im Dialog mit digital generierten Wolkenformationen von Gerhard Mantz. Eröffnet wird die Schau in der Reihe "Kontraste" am Montag um 19 Uhr im DSV-Kunstkontor (Vaihingen, Industriestraße 68), zu sehen ist sie bis zum 23. Mai. "Dies alles gibt es also" - noch immer und immer wieder gerne blättert und liest man in Wolfgang Max Fausts Anmerkungen zur Kunst. Die Lust, sich überraschen zu lassen, will freilich gepflegt werden - viel dazu bei trägt in Stuttgart die Galerie Reinhard Hauff (Paulinenstrafle 47, Di bis Fr 13 bis 18, Sa 11 bis 14 Uhr). Am Freitagabend wurde dort eine Schau mit neuen Arbeiten der Stuttgarterin Pia Maria Martin eröffnet. Seit ihrem Auftritt in der Kunstmuseums-"Frischzelle" ist ihre filmische Erzählung über ein Suppenhuhn, das dem Kochtopf entflieht und sich selbst wieder zusammennäht, Szenegesprächsstoff. Jetzt lässt sie einen Eisvogel fliegen; das Atelier wird zu einer bewegten Stilllebenbühne, und es dient gleichzeitig auch der Analyse einer Künstlerwerkstatt im Jahr 2008. Um Realitäten, die zugleich Traumbilder sein könnten, mag es ebenfalls in der aktuellen Schau bei Parrotta Contemporary (Augustenstrasse 87-89, Di bis Sa 14 bis 19 Uhr) gehen. Jedoch entführen die Werke der 1951 geborenen US-amerikanischen Fotografin, Konzept- und Videokünstlerin Wendy Ewald in düsterere Räume. Kinder fotografieren Kindheit - aber es ist eine Kindheit, die erwachsener scheint als das, was sich die Mitteleuropäer unter den Jahrzehnten ab 20 vorstellen. "Secret Games" ist das Langzeitprojekt betitelt, und mit dessen Präsentation bestätigt Parrotta erneut, welchen Zugewinn dieser Ausstellungsraum für Stuttgarts Galerienszene bedeutet. Hingehen also - ganz ohne Bustransfer und Partybegleitung.



Stuttgarter Nachrichten, 7. April 2008

Die Kunst hat einen neuen Ort - und Stuttgart endlich wieder die Chance auf ein Galerieviertel
Text: nfb
Sicher, am Abend darauf drängten sich Ton- und Feierbegeisterte bei einer Langen Nacht, die im Titel noch immer den Zusatz "der Museen" trägt, statt ehrlich darauf zu pochen, Stadtmarketing und Flirtfieber zu verbinden. Und doch war am Samstag das eigentliche Ereignis schon vorbei. Wo trifft man Götz Adriani, Lenker der Stiftung Kunsthalle Tübingen und Vordenker der monografischen Ausstellungen im Museum Frieder Burda? Wo Brigitte Reinhardt, Direktorin des Ulmer Museums, Daniel Spanke, den für die aktuelle Dix-Schau verantwortlichen Kurator im Kunstmuseum Stuttgart, und die Staatsgalerie-Legenden Karin von Maur und Gudrun Inboden? Wo Hans-Dieter Huber, Kunstwissenschaftler an der Stuttgarter Akademie, Jochen Gutbrod, stellvertretender Vorsitzender der Holtzbrinck-Holding, Markus Hartmann von der Verlagsgruppe Hatje Cantz und Dirk Teuber von der Kunsthalle Baden-Baden? Wo Marion Ackermann, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, die Galeristen Rainer Wehr, Fred Jahn (aus Mänchen), Angelika Harthan und Berthold Naumann? Wo Martin Hellmold, Kurator der Kunsthalle Täbingen, SWR-Moderator Stefan Siller und Frieder von Berg, Lenker des Freundeskreises des Kunstmuseums Stuttgart? Sie alle waren bei der Eröffnung der neuen Räume der Galerie Klaus Gerrit Friese (mit einer Ausstellung neuer Arbeiten von Karin Kneffel) und der angeschlossenen Edition Manus Presse dabei. Die Adresse: Rotebählstrafle 87. In Sichtweite das Stadtzentrum, unweit entfernt die ebenfalls noch frischen Räume von Parrotta Contemporary. Zwei große Kunstpole im Stuttgarter Westen. Dazwischen: eine neue Chance auf ein Galerienviertel. Das durfte gefeiert werden.



Stuttgarter Zeitung, 4. April 2008

Gruppenschau bei Parrotta
Text: Georg Leisten
Fußballstadien sind im Allgemeinen sehr belebte Orte‚ wie orientalische Märkte oder U-Bahn-Stationen. Toshiya Momose wollte wissen, wie es an solchen urbanen Hotspots aussieht, wenn das hochtourige Großstadtleben zum Stillstand kommt. Stundenlang wartete der japanische Fotokünstler in Unterführungen oder schaffte es sogar, sich in einer riesigen, verlassenen Sportarena umsehen zu dürfen. Und all das, um aus dem hektischen Alltagsfluss von New York, Tokio oder Istanbul ein paar fremdartig menschenleere Augenblicke herauszufiltern. Wirklichkeiten, die sich selbst inszenieren, sind das verbindende Element der Ausstellung dreier Fotografen bei Parrotta. ‘Spiel Deine Träume!‚’ sagte Wendy Ewald zu den Kindern, denen sie seit Jahrzehnten immer wieder Werkzyklen widmet. Heraus kamen vor allem Albträume: Mit Jungs, die mit Beilen aufeinander losgehen, entlarven die schwarz-weißen Bilder der Amerikanerin den kindlichen Hang zum Brutalen. Marc Räder dagegen war in einer kalifornischen Reißbrettsiedlung zu Gast. Die Aufnahmetricks des Berliners lassen die überteuerten 08/15-Villen regelrecht wie Modellbauten wirken und verstärken so den Eindruck eines Legolands, in dem sich die obere Mittelschicht vom Rest der Welt abschottet: Wohnen im Ghetto, jetzt auch für Reiche.


Programmheft, 5. April 2008

Was passiert, wenn drei Fotografen um die Welt reisen? Sie bringen drei Sichtweisen auf die Welt zurück. Die neue Galerie für zeitgenössische Kunst zeigt das Fotoprojekt ‘Scanscape‚’ von Marc Räder, der menschenleere Kalifornische Neubauwohnsiedlungen modellhaft in Szene setzt. Mit Städten beschäftigt sich auch Toshiya Momose. Der Fotograf aus Japan bereist die Metropolen der Welt und sucht dort nach‚ wie er sie nennt‚ ‘empty views’, menschenleere Ecken. Wendy Ewald verteilt seit über 30 Jahren Fotokameras an Kinder, die dann ihre Träume, Ängste und Lebenswelten in Bildern festhalten.



Stuttgarter Nachrichten, 13. März 2008

Kunstgeschichte ist mit der von dem 2005 gestorbenen Roland Hänßel begründeten Edition Manus Presse in Stuttgart-Möhringen verbunden. An neuem Standort sucht nun Klaus Gerrit Friese die Edition in eine gute Zukunft zu führen: Am 4. April eröffnet Friese in der Rotebühlstraße 87 neue Räume. Nach Parrotta Contemporary (Augustenstraße 87) ist dies der zweite prominente Neuzugang im Stuttgarter Westen. Die Galerie Klaus Gerrit Friese startet mit einer Schau mit Werken von Karin Kneffel.



Re.flect Stuttgart, Frühjahr 2008

Ab 28. März gastiert bis Mitte Mai eine Ausstellung mit drei fotografischen Einzelpositionen in drei Räumen der Galerie Parrotta im Stuttgarter Westen. ‘Secret Games‚’ ist die erste Ausstellung der amerikanischen Fotografin, Konzept- und Videokünstlerin Wendy Ewald in Deutschland: Seit mehr als 30 Jahren stattet sie weltweit Kinder mit Kameras aus, um gemeinsam mit ihnen daran zu arbeiten, ihre Träume, Ängste und realen Erfahrungen erfahrbar zu machen. Aus der Perspektive des fremden Besuchers, des Reisenden und stillen Beobachters fotografiert Toshiya Momose (Ex-Gastprofessor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart) für ‘Stills‚’ in Metropolen wie Havanna, Istanbul, Buenos Aires, Tokio, Shanghai und NY. Mit der Serie ‘Scanscape‚’, die Mitte der 90er Jahre in Kalifornien entstanden ist, reflektiert Fotograf Marc Räder die freiwillige Exklusion, Standardisierung und Ent-Historisierung des Lebens in privaten Wohnanlagen der Mittel- und Oberschicht (Gated Communities).




Wendy Ewald bringt auf der ganzen Welt Kindern die Fotografie nahe. Eine Ausstellung mit diesen Bildern ist zur Zeit in Stuttgart zu sehen‚ bei Parrotta Contemporary Art.
Text: Uli Eberhardt
‚’Traut euren eigenen Vorstellungen‚ so ermutigt die Amerikanerin Wendy Ewald seit über 30 Jahren ihre Schülerinnen und Schüler. Sie arbeitet gemeinsam mit ihnen daran, ihre Träume, Ängste und realen Erfahrungen in Bildern und Worten aufzuzeichnen und greifbar zu machen. Dieses Lebensprojekt führte Wendy Ewald rund um die Welt, denn sie fotografierte mit Kindern unterschiedlicher kultureller und familiärer Hintergründe. Die Idee für dieses Projekt kam Wendy Ewald eines Morgens, als sie aus dem Fenster ihrer Schule die spielenden Nachbarskinder beobachtete. Das war der Beginn der langen Reise, die sie unter anderem nach Kolumbien, nach Südafrika, in die Niederlande oder nach Mexiko führte. ‚’Kinder sind überall gleich. Kinder sind überall anders‚ sagt Wendy Ewald. Wer seine Phantasien und Träume zur Sprache bringt und daraus Bilder macht, stelle sich immer die Frage: Wer bin ich? Daraus entstanden schonungslose und intensive Fotografien der Kinder über ihre Umwelt. Stereotype Vorstellungen von Kindheit und unschuldigen Blicken werden von den Bildern mit einem Klick widerlegt. So ergeben sich kaleidoskophafte Portraits von Kindheit, zusammengesetzt aus aufgewühlten, träumerischen, grüblerischen und melancholischen Momentaufnahmen zwischen Realität und Fiktion, die zuweilen außerordentlich nahe gehen und sich doch als gänzlich unzugänglich erweisen so die Galerie Parrotta.
Wendy Ewald, Jahrgang 1951, stammt aus der Autostadt Detroit. Sie studierte bei Minor White Fotografie und begann dann, Kinder in Fotografie zu unterrichten, anfangs in einem kanadischen Indianerreservat. Aber ist sie nun Lehrerin oder Fotografin oder beides? ‚’Pädagogik habe ich nie studiert. So könnte man sagen, dass ich von meiner Ausbildung Künstlerin oder Fotografin bin. Was ist tat und tue ist, dass ich meine Erfahrung als Künstlerin und Fotografin für die Erziehung verwende.
Bei Parrotta Contemporary Art sind gleichzeitig noch zwei andere Fotografen zu sehen (jeweils bis 10. Mai): der Japaner Toshiya Momose mit ‚’Stills‚ und Marc Räder mit ‚’Scanscape‚.
Momose, Jahrgang 1968, fotografiert stets aus der Perspektive des fremden Besuchers, des Reisenden und stillen Beobachters in Metropolen wie Havanna, Istanbul, Buenos Aires, Tokio, Shanghai, New York und ‚ in neuesten Arbeiten ‚ auch kultivierte Landschaften Deutschlands. Immer sind die Motive menschenleere Szenerien, die den Eindruck von Verlassenheit erzeugen. Momose ist seit 1999 Professor für Fotografie an der Kyushu Sangyo Universität in Fukuoka/Japan und war 2006 bis 2007 Gastprofessor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.
Marc Räder, Jahrgang 1966, über seine Bilder: ‚’Scanscape ist Eutopia, ein Nicht-Ort, der jeglicher Kultur und Geschichte entbehrt ist und dessen Charakter am besten mit dem Begriff des Simulakrum beschrieben werden kann: die Gestalt einer Zwiebel, die‚ nachdem man sie auseinander genommen hat‚ offenbart, dass es keinen Kern gibt, sondern dass sie lediglich eine Ansammlung von Hüllen ist.‚Marc Räder lebt in Berlin und studierte Fotografie an der Essener Folkwangschule und am California College of Arts in San Fransisco. Parrotta hat auch einen Ausstellungsraum in Berlin: Project Space, Brunnenstraße 178-179, 10119 Berlin. Dort ist Momose von 4. April bis 10. Mai ebenfalls zu sehen. Räder ab 17. Mai bis 27. Juni.


Stuttgarter Nachrichten, 6. März 2008

Kunststandpunkte: Drei finnische Positionen bei Parrotta Contemporary Art Text: Rainer Vogt
Sich an die Nase fassen steckt an, Schönes verschwindet
Zu Schauplätzen werden die von Susanna Majuri fotografierten Orte durch Frauen. Mit dem Rücken gefährlich nah am Abgrund einer Klippe, blickt eine von ihnen auf einen Leuchtturm. Eine andere treibt leblos in türkisblauem Wasser. Und eine dritte steht knietief im Wasser vor einem Bootshaus. Modeaufnahmen? Das Outfit der Damen ist auf die Umgebung abgestimmt. Alles spielt sich draußen und nahe am Wasser ab. Die rätselhaften Aufnahmen bilden eine der drei künstlerischen Positionen aus Finnland, die Parrotta Contemporary Art unter dem Titel "Kyllä Hmm Ei Hmm" derzeit vorstellt. übersetzt bedeutet das "Ja hmm nein hmm" und wird von einem Mann gesprochen, der in rasterartiger Anordnung und wandfüllend quälendes Zögern verkörpert. Lautlos und unerwartet schlittern am Ende eines blind endenden Flurs der Galerie Personen vorbei. Dieser verblüffende Film stammt von Pasi Autio. Er. schildert, wie ansteckend es ist, wenn Leute sich an die Nase fassen, und wie skulptural Kinder wirken, die sich unter einem Berg Kleidung verstecken. Ähnliches interessiert Hannu Karjalainen bei einem frontal gefilmten Männerkopf. Fortwährend mit einer schlierigen, zähflüssigen Masse übergossen, erinnert die lebende Plastik zeitweilig an Brancusi. Als "Man in a car" sieht man den Künstler hinter einer Windschutzscheibe, in der sich ziehende Wolken spiegeln. Bewegung ist eine relative Größe - und die Galerie Parrotta (Augustenstraße 87, Di bis Sa 14 bis 19 Uhr) bestätigt sich als konkreter Anlass, dies nachzuprüfen.



PRINZ Stuttgart, März 2008

Wann und wie wird aus Schein Wirklichkeit und wann beginnt die Konstruktion von Fiktionen? Mit den Foto- und Videoworks von drei jungen finnischen Künstlern präsentiert die Galerie Parrotta in Stuttgart international erfolgreiche Positionen und doch höchst eigenständige Ansätze der "Helsinki School", die sich in Film und Lichtbildkunst mit Zwischen- und Schwebezuständen auseinandersetzen. So gibt es Fiktives von Susanna Majuri, spielerisch, humorvolle Experimente bei Pasi Autio und poetisches Vexierspiel mit Hannu Karjalainen.



Kultur

Kritische Blätter für Kenner & Neugierige, 19. Jahrgang 2008, Nr. 176, März

Wenn die Beschäftigung mit Videokunst der Entwicklung szenischer Phantasie förderlich wäre, würden viele einschlägig befasste Künstler ins Filmfach wechseln, wo mehr Ruhm und Geld winken. Viel zu selten geschieht es, dass Arbeiten von Videokünstlern nicht nur Aufmerksamkeit erheischen, sondern sie tatsächlich zu wecken und zu halten vermögen. Das ist der Fall bei Pasi Autio und Hannu Karjalainen, deren seltsam melancholische und klammheimlich komische Videos gegenwärtig in der Stuttgarter Galerie Parrotta Contemporary Art vorgestellt werden, zusammen mit Fotoarbeiten von Susanna Majuri (bis 15. März). Alle drei leben und arbeiten in Helsinki, alle sind in den 70er Jahren geboren und bereits erfolgreich international unterwegs. Unsere Abbildung stammt aus der noch nicht abgeschlossenen Fotoserie ‚Piilo‚ Hiding Place’;, in der Pasi Autio die Verstecke von Kindern erforscht. Pasi Autios Videoloop ‚Kylä Hmm Ei Hmm‚ Yes Hmm No Hmm’, gab der Ausstellung ihren Titel: ein Männerkopf, 20fach im Bild, brabbelt auf 20 zusammengeführten Tonspuren endlos sein ‘Ja, hmm, nein, hmm ...’. Hannu Karjalainen fängt die Zeit ein, mal flink, mal langsam: Dem ‘Man in Blue Shirt’ läuft Farbe in dicken Schlieren über den Kopf und tropft langsam ab; sein ‘Man in a Car’ sitzt still hinterm Steuer, und was zunächst aussieht wie Dampf, der unter der Kühlerhaube hervorquillt, ist die im Zeitraffer vorgeführte Spiegelung ziehender Wolken. Susanna Majuris Fotos zeigen modisch gekleidete Mädchen in nordischem Landschaften und surrealer Pose. Alles zusammen ergibt ein schön komponiertes Tableau feinen nordländischen Hintersinns! Christian Marquart.



Re.flect Stuttgart, Frühjahr 2008



taz Berlin, 9. Januar 2008

Widerstand
Text: Meike Jansen
Seit Wochen drücken sich immer wieder Menschen die Nase am Ladenfenster der Brunnenstraße 178 platt. Erstaunliche Maschinen gibt es dort in Folge zu sehen: solche, die sich der Produktivität zu verweigern scheinen - eine Seltenheit in unseren durch Effizienz bestimmten Zeit. Claus Larsens Lichtmaschine wird zwar mit Strom betrieben, aber erst über den Umweg, dass ein Motor vier Neonröhren rotieren lässt, erstrahlt das gleißende Licht. Ein Strahlen, das sich auf den Gesichtern der BetrachterInnen in doppelter Hinsicht niederschlägt. Ab 12. 1. wird eine Maschine von Eske Rex gezeigt.



Zitty Berlin, Januar 2008

An die Exilschwaben in Berlin hat man sich gewöhnt. Nun gibt es auch in der Kunst die Achse Stuttgart‚ Berlin. Im Oktober eröffnete Sandro Angelo Parrotta eine Galerie in Stuttgart. Und weil ihm klar zu sein schien, dass an Berlin kein Weg vorbeiführt, eröffnete er die Berliner Dependance gleich mit. Im Projektraum in der Brunnenstraße sollen junge, aufstrebende Künstler zu sehen sein. Für die zweite Schau konstruierte Eske Rex, einst Praktikant des Künstlers Jeppe Hein, den Materialtransformator "Kayak". Florian Neufeldt lässt eine Leitplanke kreisen.



Stuttgarter Nachrichten, 5. Januar 2008

Von Künstlern erdachte Maschinen stehen außerhalb der Norm produktiver Ertragsabsichten. Sie zelebrieren Absurdität, setzen Assoziationen, Ideen, Emotionen frei. Wie das geht, demonstrieren in der zweiten Ausstellung bei Parrotta Contemporary Art imposante Beispiele von vier Künstlern aus Berlin und einer Künstlerin aus Wien. Von ihr, Judith Fegerl, ist eine Rundstrickmaschine (im Bild) zu bewundern. Sie bringt ein wulstiges textiles Etwas hervor, das mit seiner gewaltsam verwundenen Gestalt biomorphe Vorstellungen weckt. Die kaum merkliche Bewegung der Maschine, ihr Gleichmaß und ihre sanfte Gewalt wirkt bezwingend und so feminin wie ihr Titel nahe legt: "Galatean Heritage".
Die Impulse für die Rotoren von Max Frey gehen von rotierenden Scheiben aus und stellen elektrische Kontakte hier. Die Rotation verwandelt die gezündeten Lichter in farbige Linien und Flächen, die in rascher Folge kommen und gehen. Gemächlicher lässt Claus Larsen drei schwere Holzbalken Höhe gewinnen, ehe sie mit voller Wucht und lautem Krach auf den Boden knallen. Entfernt erinnert das laute Schauspiel an die Arbeit von Dampframmen. Florian Neufeldt thematisiert mit der schnellen Rotation einer kreisrund gebogenen Leitplanke Mobilität auf den Straßen. Und mokiert sich über deren Ziellosigkeit: Wir stehen still, die Straße fährt, führt nur leider nirgends hin. Lautlos, doch nachhaltig funktioniert das acht Meter lange "Kajak" von Eske Rex. Mit einer Schraube entlang des Kiels lässt sich die Spindelform des Boots verkürzen und die Spannung der Bögen zu beiden Seiten steigern.
Text: Rainer Vogt



Sonnendeck Stuttgart, Januar 2008

Arbeitslose kennt man, arbeitslose Maschinen die doch arbeiten, kann man derzeit in der Parrotta Contemporary Art kennen lernen. In den ausladenden Räumen der Galerie werkeln neun Maschinen von fünf Künstlern vor sich hin. Sie produzieren nichts im Sinne der Marktwirtschaft verwertbares, sie funktionieren. Weisen stampfend, hämmernd und sirrend auf sich hin - Autisten aus Metall, gefangen in einem solipsistischen System des sinnfreien Weitermachens. Die komplett theatralische Anordnung dieser Ichmaschinen in den Räumen der Galerie rufen beim Publikum Ahnungen an ein eventuell schon angebrochenes post-postindustrielles Zeitalter hervor. Ein Zeitalter der Leereproduktion, in dem das Vorhandensein einer Maschine nicht mehr auf ein Produkt hinweist, sondern auf die Maschine selbst. Einzig ihrer tonalen oder visuellen Äußerungen wegen vorhanden, sind sie Instrumente die sich selbst bedienen. Blinkende, rotierende Satelliten im All, ohne Auftrag und ohne Funkkontakt zur Bodenstation. Masturbierende Metallkörper die nie kommen.
Text: hjf
"Maschine", noch bis zum 18. Januar 2008, Augustenstraße 87 - 89, Stuttgart Künstler: Judith Fegerl, Max Frey, Eske Rex, Claus Larsen und Florian Neufeldt www.parrotta.de



Stuttgarter Nachrichten, 15. November 2007

Die Kunst hat einen neuen Ort: Sandro Parrotta eröffnet eine Galerie in der Stuttgarter Augustenstraße.
Text: Marko Schacher

"Kein Galeriele, eine Galerie!" - Wolfgang Ostberg, Leiter des Stuttgarter Kulturamts, brachte es in seiner Grußwort-Rede auf den Punkt. Klotzen statt Kleckern? Die über 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche der neu eröffneten Parrotta Contemporary Art getauften Galerie treiben manchem Galeristen den Neid ins Gesicht. Vielleicht sind die Kollegen deshalb zu Hause geblieben, als der 37-jährige Kunsthistoriker zur Eröffnung seiner ersten regulären Gruppenausstellung "Into The Woods Tonight" in die Augustenstraße 87-89 (Di bis Sa 14 bis 19 Uhr) lud. Dafür sind Hunderte Künstler, Kunstinteressierte und Anwohner gekommen, durch die frisch renovierten Räume flaniert und haben bis zwei Uhr morgens das Büfett geplündert. "Ich hätte mir die Eröffnung gar nicht schöner vorstellen können", freut sich Sandro Parrotta. Und das nach seinen Erfahrungen mit den Handwerkern (zu langsam), dem dreiköpfigen Kuratorinnen-Team (zu schnell) und den 18 Künstlern (zu viele). Hat er sich in die Arbeit von Birgit Kulmer, Martina Kupiak und Kerstin Schmidt eingemischt? "Natürlich! Schließlich vertrete ich die Künstler nach außen", sagt Parrotta. Doch Ehre, wem Ehre gebührt: Das Konzept, mit der Ausstellung die Bedeutungs-Spannbreite des Waldes zwischen Materiallager, Erholungsressort und Tatort zu thematisieren, stammt von den drei miteinander befreundeten und in Berlin lebenden Kunsthistorikerinnen. Wer durch den aus dunkel lackierten Holzlatten gezimmerten Wald von Frauke Boggasch wandelt und dabei auf blaue Papier-Kristalle stößt, vergisst glatt, dass er sich nicht in einem Märchengarten befindet. In der Installation "Zwei Phönixe treffen sich im Wald" von Thilo Frank und Julia Heuer werden die Besucher nicht nur mit der Dunkelheit, einem schiefen Boden und einer einladenden Schaukel, sondern auch mit ihren eigenen Kindheitserinnerungen konfrontiert. Auch Johannes Lotz' Zeichnung, die ihn als kleinen Jungen an der Hand eines Erwachsenen zeigen, pendelt zwischen Assoziationen an "Es geschah am helllichten Tag" und Erinnerungen an einst unbeschwerte Waldspaziergänge. Edgar L. lässt einen ausgestopften Fuchs seinen unvorsichtigen Kumpanen beim Tappen in die Foto-Falle beobachten. Eine von Florian Neufeldt unbrauchbar gemachte Leiter formiert ihre Sprossen trotzig zum "Pech"-Schriftzug und kommentiert damit auch Neufeldts "Stapel", der sich durch ein scheinbar unversehrtes Äußeres und ein chaotisch anmutendes, in Wahrheit aber fein säuberlich konstruiertes, zersplittertes Inneres auszeichnet. Während Benjamin Badock mittels dreidimensionaler Objekte die Typologie von Förster-Hochsitzen erforscht, offenbart Anders Hellsten Nissen mit seinen in Tokio geschossenen Fotografien die Perversität von Baumstützgestellen, welche die Natur disziplinieren und vermenschlichen. Wer Sandro Parrotta nach seinem Lieblingsexponat fragt, landet vor den Collagen von Björn Braun. Der Künstler hat mit dem Skalpell aus dem "Holz" mehrerer abgedruckter Häuser in der Abbildung selbst eine Kirche und eine Leiter konstruiert. Eine schöne Metapher für die Schaffung von neuem aus Altem! Sandro Parrotta ist zuversichtlich, dass ihm mit dem Umbau der Räume, in denen bis vor kurzem Elektroteile gepresst wurden, Ähnliches gelingt. Der Charme der unverputzten Mauersteine und über Putz geführten Rohre blinzelt an einigen Stellen hinter den vorgehängten, weißen Wänden durch. Vor Jahren hat Parrotta in der Galerie Michael Sturm und in der Galerie der Stadt Stuttgart gearbeitet. Glaubt er wirklich, von seiner Stuttgarter Galerie und dem ihr angeschlossener Berliner Projektraum leben zu können? "Das ist meine Absicht", sagt er. "Die nächsten fünf Jahre mache ich die Tür hier nicht zu." Dann grinst er: "Eigentlich bin ich verrückt."



Stuttgarter Zeitung, 2. November 2007

Die neu eröffnete Galerie Parrotta zeigt Naturdarstellungen
Text: Georg Leisten

Wie ein akkurat angespitzter Riesenbleistift steht der kahle Baumstamm neben seinen Artgenossen, die noch Äste und Zweige tragen. Denn auch die Axt im Walde erlaubt sich manchmal ihre Scherze, jedenfalls in den Außenrauminterventionen des Norwegers Sveinn Fannar Johannsson. Das Holz und der Ort, wo es herkommt, stehen im Zentrum der Gruppenschau "lnto the woods tonight", mit der sich die neue Galerie Parrotta vorstellt. Der Hausherr Sandro Parrotta, der zugleich auch eine Dependance in Berlin eröffnet hat, versteht seine 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Stuttgarter Westen als Forum für zeitgenössische Objektkunst mit konzeptueller Basis.
Die achtzehnköpfige Crew, die sich der am Neckar verwurzelte Galerist für seine Jungfernfahrt ins Boot geholt hat, enttäuscht nicht: Frauke Boggasch etwa zeichnet mit ihrer Baumschule aus Lattenholz einen strichdünnen Geisterwald in den Raum. Darin könnten sich wahrscheinlich jene kopflosen, halb an Dachs, halb an Eichhörnchen erinnernden Tiermonster wohl fühlen, die in den Papierarbeiten von Sigga Bjorg Sigurdardottir auftauchen. Den Gruseln wie die Poesie finsterere haben auch Thilo Frank und Julia Heuer gut eingefangen, wenn sie in einer Dunkelkammer mit Miniaturmond eine Schaukel an einen unsichtbaren Ast hängen. Für das nötige Holz vor der Hütte sorgt Benjamin Badock, indem er die Frontfenster mit illusionistisch-dreidimensionalen Brettern beklebt.



LIFT Stuttgart, Oktober 2007

Stuttgart zeigt Berlin, Berlin zeigt Stuttgart. So lautet das Konzept der Galerie "Parrotta Contemporary Art Stuttgart Berlin". Der Hauptsitz befindet sich in Stuttgart-West, in Berlin-Mitte gibt es aber noch einen weiteren Projektraum - beide ergänzen sich wechselseitig durch ein Netzwerk von Künstlern, Kuratoren und Publikum. Circa sechs Ausstellungsprojekte im Jahr sollen umgesetzt werden. Den Anfang macht "Into the woods tonight": Achtzehn Künstlerinnen und Künstler haben sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema "Wald" auseinandergesetzt. Der Wald kommt dabei sowohl als ambivalenter Ort zur Sprache - einerseits finster und unheimlich, andererseits still und schön - als auch als Materiallager für den ältesten Werkstoff von Architektur, Skulptur und Bildkunst: Holz. Die Künstler spielen mit der Verunsicherung des Betrachters, führen uns über grobe Holzdielen und schiefe Ebenen. Genau wie bei einer spannenden Nachtwanderung durch den Wald.
Text: Rohm



Re.flect Stuttgart, November 2007

Nach der Street Art Ausstellung mit vielen bekannten Stuttgarter Sprühern, Klebern und anderen Stadtverschönerern sowie einem Umbau geht es in der Contemporary Art Galerie Parrotta Anfang Oktober mit "Into The Woods Tonight" weiter. Im Stuttgarter Westen wird Sandro Parrotta die Arbeiten und Interpretationen von 18 KünstlerInnen zum Überbegriff "Wald" zeigen: Gemeinsam bilden sie einen Wald aus Zeichen, durch den missverständliche Wegweiser mitunter auf schiefe Ebenen führen und der die Sinne stets aufs Neue zur Adaption herausfordert.



Stuttgarter Nachrichten, 21. Juni 2007

Öffentlichkeitsarbeit mal anders
Text: Marko Schacher
‘Geile Location, Mann.‚’ Patrick, Betreiber des Graffiti-Stores High & Mighty im Rocker 33, ist begeistert. Nicht nur er. Auch zahlreiche Anwohner, Flaneure, der vermittelnde Makler und vor allem Stuttgarts Street-Art-Künstler klopfen Sandro Parrotta und Antje Géra auf die Schultern. Die beiden ausgebildeten Kunsthistoriker haben in weniger als vier Wochen die ehemaligen Kellerräume eines Elektronikteile-Herstellers in der Augustenstraße 87 zum Street-Art-Showroom umgemodelt. Noch bis zum 29. Juni (Di bis Sa 13 bis 19 Uhr) sind vor Ort unter dem Titel ‘Gleich Morgen‚’ 31 Positionen Stuttgarter Street-Art zu sehen. Für die 31. Position sorgt gerade Patrick, der‚ wie alle anderen Künstler auch ‚ mehr oder weniger spontan vorbeischaut und sein Exponat direkt auf die Wand sprayt. ‘Ursprünglich wollten wir Anfang Juni sogar mit ganz weißen Wänden starten‚’, erläutert Sandro Parrotta seinen Work-in-Progess-Ansatz. Der sicher mit einer Prise Exhibitionismus gepaarte Stolz der Straßenkünstler hat dann doch dafür gesorgt, das bereits zur Vernissage eine Vielzahl von Graffiti, Stickern, Cut-outs und Plakatabrissen die Betonwände der 440 Quadratmeter großen Räume bedeckt haben. ‘Teilweise war es recht schwierig, eine Vertrauensbasis aufzubauen', sagte Sandro Parrotta zu den Eigenheiten der am Rande der Legalität agierenden Stuttgarter Street-Art-Protagonisten. Der Mundpropaganda hat zur erfreulichen Spannbreite der Ausstellung geführt. ‘Teilweise habe ich die Leute aber selbst nicht zu Gesicht bekommen‚’, grinst Parrotta. Der Sprayer Flamingo etwa hat seine Wand in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fertig gestellt. Dafür ist der Mensch hinter The Walters fast jeden Tag da, um die aktuellen Positionen seiner ‘individuellen Öffentlichkeitsarbeit‚’ (so ein Flyer) auszuhängen. Maximilian hat auch keine Berührungsängste. Er führt heute von 16 Uhr an vor Ort mittels Workshop in ‘Die Kunst Buchstaben zum Leben zu erwecken‚’ ein. Die Feuertaufe wird gefeiert: Zur Finissage am 29. Juni werden um 19 Uhr die DJs Jaywalk und Inverse Cinematics auflegen. Das ist erst der Anfang: Am 6. Oktober werden die beiden Neu-Galeristen mit einer um die Berliner Künstlerin Frauke Boggasch gruppierten Dialog-Ausstellung die bis dahin renovierten Räumlichkeiten als ‘Parrotta Contemporary Art‚’ offiziell zu neuem Leben erwecken. Geile Pläne, Mann!