Aus den entlegensten, dunkelsten Höhlen des Waldes, den schaurigsten Kellerecken und hintersten Bettunterschlüpfen müssen die Wesen und Unwesen Sigga Bjorg Sigurdardottirs hervorgekrochen sein, um sich ihr und uns zu zeigen. Wundersam sehen sie aus, in keine Sparte der Fabelwesen mögen sie so recht passen: Sind es Trolle? Uns unbekannte nordische Geister? Dämonen? Lindwürmer? Oder letzten Endes gar doch nur ungestalte, verkleidete Menschen? Ihr Benehmen jedenfalls lässt zu wünschen übrig. All das, was wohlerzogene Wesen – wenn sie es denn überhaupt tun – nur heimlich und den Blicken anderer entzogen tun, vollziehen diese Ungetüme offen und ungeniert: Sie entledigen sich ihrer vielfältigen Körperflüssigkeiten, weinen, schreien, sind unflätig, hysterisch und gleichzeitig gemein, sie piesacken, würgen und foltern einander.
All dieser Abscheulichkeiten zum Trotz mag es uns nicht gelingen, diese Ungetüme eindeutig abscheulich zu finden. So bei Tageslicht gesehen und entblößt, heimatlos und deplatziert wecken sie seltsamerweise unser Mitleid. Eine Charakterisierung als widerwärtig und böse muss schon deshalb misslingen, weil uns ihre Unflätigkeiten leider allzu bekannt sind: Es gibt nichts, was sich nicht auch Menschen gegenseitig antun würden. Im Zuge dieser Erkenntnis werden aus Menschen Ungetüme, aus den Ungetümen »Getüme«, und die Ungeheuer erscheinen uns geheuer.
Sigga Bjorg Sigurdardottirs Spiel mit den Zuständen des Dazwischen – zwischen gut und böse, schön und hässlich, angsteinflößend und bemitleidenswert, niedlich und monströs – macht deutlich, dass die Kreation eines Monsters erst in Absetzung zu einem Ideal entsteht, an welchem sich der Grad der Monstrosität bemessen lässt. Und dieses Ideal ist ein vom Menschen erträumtes – der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.
So bleiben wir denn wach und gehen lieber nicht in den Wald heute Nacht.
Antje Géra