MATTHIAS KÖSTER

Matthias Köster ’Eyes Wide Shut’

 

„Fridolin riß die Augen so weit auf als möglich, strich sich über Stirn und Wange, fühlte nach seinem Puls. Kaum beschleunigt. Alles in Ordnung. Er war völlig wach.“ (Arthur Schnitzler, Traumnovelle)

 

Flüchtig wie ein Augenschlag erscheint die Malerei von Matthias Köster (*1961), in sekundenschnellen Bildern eine Realität bannend, die nur mit weit geschlossenen Augen festzuhalten ist. Matthias Köster arbeitet mit kurz aufflackernden und doch sich ins Gedächtnis einschreibenden mediatisierten Bildern. Um diese sowohl in ihrer Flüchtigkeit als auch Eindringlichkeit festzuhalten, bedient er sich einer besonderen Maltechnik: alla prima, in einem Zug, bringt er Ölfarben auf einen Bildträger aus Aluminium auf und erzielt damit einen malerischen Duktus von höchster Lebendigkeit, Transluzenz und Leuchtkraft der Farben. Mit einer solchermaßen in die Malerei gelegten Geschwindigkeit verankert er seine Bildwelten in einem Hier und Jetzt auf der unscharfen Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit. So schafft er Bilder von Bildern, hinter denen weniger Realität als vielmehr die glatte Oberfläche einer Begehren weckenden, doch niemals Erfüllung findenden Scheinwelt steht. Motivwelt und Maltechnik korrespondieren insofern, als die Farbe vom Grund gelöst erscheint und ihn immer wieder hindurchblitzen lässt und den Malgrund im Spiegeleffekt immaterialisiert.

 

In der Wahl und Kombinatorik seiner Motive adaptiert Matthias Köster den voyeuristischen Blick von Hochglanz- und Boulevardmagazinen und trägt damit den begehrlichen Blick als Thema in seine Malerei. Dieser trifft auf keck posierende prototypische Frauenkörper, die in artifiziellen Haltungen ihre Verfügbarkeit zum Ausdruck bringen und damit ein unendlich wiederholtes und wiederholbares Set an Posen des Verführerischen. Theatralisch und steril zugleich finden sie sich auf der harten Oberfläche des Aluminiums ein, bisweilen schonungslos bearbeitet von Kösters speziellen Ausschneide- und Ritztechniken. Diese Gravuren greifen durch Hinzufügungen kleiner piktoraler Elemente ins Bildgeschehen ein – so wird eine aufreizend putzende Dame mit dekorativen Schmetterlingen, Blumenmotiven, einem Schiff und Dürers betenden Händen gleichsam tätowiert – ebenso überlagern Kösters Einritzungen in ornamentaler Form die Bildoberfläche als Ganzes die Motivik dynamisieren oder auch die Erzählung mit figürlichen Ergänzung erweitern. In der großen Arbeit ‚Dresdner Atelier’ von 2008 überlagert Köster die Darstellung zweier Modells aus einem russischen Modemagazin mit der Einritzung einer Zeichnung nach Ernst Ludwig Kirchner. Nur erahnen lässt sich die Vorlage dieser Atelierszene, bei der ein Sammler das Atelier des Malers betritt, in welchem sich im Hintergrund auch das Lieblingsmodell der Brückemaler, die minderjährige Fränzi aufhält. Die Einritzungen entfalten so ein Eigenleben, das sich von der Motivik der darunter liegenden Farbschichten zu entfernen scheint. Gleichzeitig ergibt jener Rekurs auf die Kunstgeschichte, die althergebrachte Vorstellung von der Intimität des Künstlerateliers, des Verhältnisses des Malers zu seinem Modell und seinem Sammler einen Hinweis auf das, was im Hochglanzzeitalter der Kunst einer Transformation unterzogen ist. Köster sind die Modelle und Stars seiner Bilder nicht weniger fremd als uns – doch ihre Oberfläche hat er ein Stück weit durchdrungen.

 

Es ist der Film, der Matthias Köster als maßgebliche Inspirationsquelle dient, sowohl im Hinblick auf die dem Film eigene materielle Ausprägung als auch in Bezug auf seine medialen und ästhetischen Möglichkeitsräume. Die dünne, wie eine aufgezogene Folie erscheinende Malschicht transportiert die Transluzität des Zelluloids als Trägermaterial des Films, ebenso das Durchschimmern des Untergrundes durch das projizierte Filmbild. Filmtechniken wie das Arbeiten mit Überblendungen und Montage werden von Köster in und auf die Malerei übertragen. Motive, deren Quellen sich gewöhnlich nicht einmal berühren würden, vermögen so in einem Bild zusammenzutreten, jedoch ohne gewaltsam miteinander verschmolzen zu werden.

 

Ganze Bildzyklen widmet Köster zu Klassikern gewordenen filmischen Werken. In der Adaption und malerischen Transformation der ausgewählten Szenenbilder werden diese jedoch nie stillgestellt und eingefroren – die schnelle Maltechnik alla prima erlaubt es Matthias Köster, das changieren eines Filmbildes zwischen Flüchtigkeit und Einprägsamkeit zugleich zu erhalten. Stetig verbleibt der Betrachter so im Ungewissen, ob der diese Bilder, die Bilder von Bildern sind, nun schon einmal gesehen habe oder nicht, denn nie vermag sich das Gesehene mit dem Erinnerten völlig zu decken.

 

In seiner Bezugnahme auf einzelne Filmbilder und damit auf die Medialität derselben handelt es sich allerdings nicht um eine Verklärung des Cineastischen oder um das Unterstreichen der Auratik dieser Bilder – vielmehr ist es gerade deren uneingeschränkte Verfügbarkeit, auf die sich Köster durch das Heranziehen von Filmstills zu motivischen Vorlagen seiner Malerei bezieht. Filmstills aus dem Fernseher sind Teil seiner malerischen Strategie. Er selbst gehört einer Generation an, die mit der ständigen Verfügbarkeit von Videofilmen und Filmbildern aufgewachsen ist. Köster hat in seiner großformatigen Arbeit seines „Eyes Wide Shut“ – Zyklus die flimmernde Nummer seines Videokanals Achtundzwanzig über den maskierten Hauptdarstellern als Teil der Szene eingefügt. So vergegenwärtigt sich im Spiel mit den verschiedenen formalen und inhaltlichen Ebenen der Bilder auch die Essenz, die Stanley Kubrick aus der Traumnovelle Arthur Schnitzlers destilliert – Täuschung und Ent-Täuschung, Traum und Realität, Begehren und Indifferenz, sind nicht ohne Verluste zu scheiden und deren Übergänge fließend. Ob das Erwachen ein Erwachen aus einem Traum und die Ankunft in der Realität oder ein Träumen des Erwachens und des Beginns der Realität ist, muss nicht restlos geklärt werden -  der Preis für Wahrhaftigkeit ist oft zu hoch, als das wir ihn zahlen mögen – und ohne Glanz, Glamour, Schönheit und Reiz.

 

(C) PARROTTA CONTEMPORARY ART STUTTGART BERLIN

 

 

Matthias Kösters Bilder auf Aluminium:

erBILDete Malereien - beBILDerte Szenerien - geBILDeter Glamour

Prof. Dr. Raimund Stecker, Düsseldorf

 

In einer Ausstellung mit Werken von Matthias Köster: Umgeben sind Sie von Farbsensationen. Kaum "edel" ist die Charakteristik der Farbklänge zu bezeichnen. Eher schon grell, betont suggestiv, eyecatchend... Selbst "bunt" würde nicht weit genug greifen.

 

Auch die Motive sind durchaus grell. Werbeschöne Frauen, titelblattverdächtige Erotik, katalogtaugliche Urlaubssichten... In den Bildern von Matthias Köster wird nicht bloß im Freien gefrühstück, eher schon wird vollzogen, wozu das Petit Dejeuner nur das Vorspiel ist. Die Schönheit des Finalen und der Oberflächen wird in der Malerei von Matthias Köster offen sichtbar gefeiert, mithin weniger die sublimierte der inneren Werte.

 

Dezidiert 2006, "absolut heute..."

 

Doch all dies ist überhaupt nicht kritikabel, vielmehr ist es höchst exponabel -und damit meine ich nicht nur ausstellungswürdig. Denn die Bilder von Matthias Köster - lassen Sie mich das sagen - sind betörend. Und dies nicht allein aufgrund ihrer Motive oder Farben, sondern aufgrund ihrer kühn überhöhenden Qualität dieser Alltags-, Werbe-, Katalog- und Filmästhetik. Auch die Frauen sind gemeinhin schon schön als Vorbilder für die Bilder von Köster. Doch die Bilder erschöpfen sich nicht in der Wiedergabe dieser vorgegebenen Schönheit. Sie schaffen es vielmehr, diese vorgegebene Schönheit zu transformieren in eine Bildschönheit, die letztendlich genauso losgelöst vom Motiv ist wie in der Geschichte der Kunst die Schönheit von eigentlich nichtschönen Personen.

 

Ich möchte behaupten, daß Matthias Köster dies erreicht, indem er - und er hat auch schon auf Kacheln gemalt und selbstverständlich auch auf Leinwänden - daß er dies erreicht, weil er eine für ihn neue Art der Präsentation, der Vergegenwärtigung, des Zeigens seiner Malerei gefunden hat. Nämlich die, mit Ölfarben auf Aluminium zu malen.

 

Matthias Köster hat folglich eine Entscheidung getroffen. Und um die soll es nun kurz gehen: Was bewirkt die Entscheidung, mit Ölfarben auf Aluminium zu malen? Selbstverständlich suche ich die Antwort rein auf dem Felde der Wirkung, der Wahrnehmung, und nicht auf dem der Produktion - darüber kann ihnen der Künstler viel mehr sagen denn ich.

 

Nun, was erwirkt diese Atelierentscheidung? Denn eine Entscheidung ist dies zweifelsohne. Jede Abweichung vom "Normalen" bedarf nämlich einer Entscheidung. Und eine Entscheidung ist konzeptuell zu hinterfragen auch dann, wenn allein auf die Wirkung abgehoben wird, wenn allein das Visuelle im Mittelgrund des künstlerisch Produktiven wie des künstlerisch Rezeptiven Interesses steht.

 

Ausgehend davon, daß ich hier eingeladen bin, um Ihnen meine Antworten mitzuteilen - zugegeben auf Fragen, die ich mir selber stelle, oder besser: die die Werke von Matthias Köster Ihnen und mir, also uns stellen - versuche ich eine Antwort:

 

- Die Bilder, besser die "Bildfelder" schon allein, erhalten dadurch, daß sie

  auf Aluminium gemalt wurden, eine einzigartige Rasanz

- Das Durchschimmern der silbrig glänzenden Oberfläche verleiht den

  Bildern einen unverwechselbaren Glamour

- Die Farben (englisch paint) werden transparent, kaum decken sie die

  Oberfläche ab oder gar zu

- Die Farben {englisch color) beginnen so gleichsam aus sich selbst heraus

  zu leuchten, eine unterliegende Strahlungsenergie scheint ihnen zu eignen

- Die Farben (paint) geben gewissermaßen vor, nicht mit ihrem Träger

  verbunden zu sein, sondern vor ihm - einem freien Schleier gleich -

  gespannt zu sein

- Die Farben (color jetzt wieder) leugnen nahezu ihre "painfmaterielle

  Eigenheit

- Immaterialität wäre so gesehen den Malereien von Matthias Köster zu

  attestieren, ein Zustand ihrerselbst wäre festzuhalten, der sie un"greif'bar

  sein läßt, un"faß"bar, un"begreif'bar mithin auch, unanfaßbar ebenso.

 

Formale Spielerei, neurotisch motivierte Innovationsmacke oder form-inhaltdialektische Sinnhaftigkeit - um was handelt es sich bei der Entscheidung Matthias Kösters, auf Aluminiumuntergründen zu malen?

 

Die Innovationsmacke wäre nicht so negativ, wie die Bezeichnung klingt. Formale Spielerei gehört ohne Frage zu den konstitutiven Wesenseigenheiten künstlerischer Produktion. Sie war sogar in den Zeiten des gegenstandslosen Primates - in den Zeiten mithin, in denen nahezu zwanghaft gegenstandslos gearbeitet wurde - eines der wichtigsten Antriebsmomente künstlerischen Tuns.

 

Doch die Zeiten haben sich - das konservative Konstanzkriterium schlechthin -geändert. Es gibt kein gleichsam normatives Kriterium mehr, wie gemalt werden soll und was nicht gemalt werden darf.

 

Was negativ unter dem Titel firmierte, daß nunmehr, in Zeiten postmoderner Orientierungslosigkeit, alles erlaubt sei, kehrt sich mehr und mehr aus dem Beurteilungsraum mit negativem Vorzeichen in den mit einem unbedingt positven.

 

Das Form-Inhalt-Prinzip erfährt in meinen Augen in den letzten Jahren zu Recht eine Renaissance. Und dies meine ich keineswegs modisch. Denn diese Renaissance beinhaltet, daß ein Kunstwerk nicht "nur" Form ist, nicht reine Form, sondern auch Inhalt. Das Spannungsfeld von Inhalt und Form muß folglich ausgehalten werden, blickt man nicht nur einmal kurz auf das Bild, sondern schaut aktiv und das Geschaute reflektierend, indem man sich das zu Sehende - den Gehalt - auch intellektuell vergegenwärtigt.

 

Kommen wir zurück zur Malerei von Matthias Köster. Rasanz, Glamour, Transparenz, Eigenleuchten, Strahlungsintensität, Schönheit und Immaterialität machte ich - rein formal, so könnte man es bezeichnen, nur die Phänomene der Malerei auf Aluminium wahrnehmend und sie sprachlich zu fassen versuchend - fest.

 

Wie nun stehen diese genuin malerischen, diese formalen Eigenheiten zu den Themen, die Matthias Köster uns zu sehen gibt? Denn ginge es Köster allein um das Schaffen dieser malerisch zugegeben schon durchaus anspruchsvollen und betörenden Phänomene, warum sollte er entkleidende Frauen malen, warum Menschenmassen, Porträts, Gefesselte, Schönheitsoperationen, Strände - Szenen schlußendlich? Und, warum schickte er uns dann auch noch so häufig in die Welt der großen Filme und Filmstars?

 

Matthias Kösters Welt - die, die er wahrnimmt, die, die ihn leitet, die, die ihn interessiert, die, die ihn besticht und fasziniert - ist in dieser Ausstellung zumindest vorrangig die des Films. Kösters wahrgenommene Welt ist mithin eine bereits kulturell bestimmte, eine ästhetischen Kriterien bereits untergeordnete. Seine Vor-Bilder sind schon kulturelles Produkt. Und dieses -das sei behauptet - kann eben in Zeiten der Verfügbarkeit aller Medien für die Kunst nicht hinter den medialen Möglichkeiten zurückstecken.

 

Man braucht nicht mehr auf Leinwand zu malen, man braucht nicht mehr mit Öl zu malen, man braucht überhaupt nicht mehr zu malen, um Bilder zu machen. Aber wenn man sich entscheidet zu malen, dann ist es folgerichtig, aus dem künstlerisch Spielerischen heraus zu schöpfen und adäquate Medien für seine Zur-Anschauung-bringenden-Interessen zu finden, dann ist es evident, kulturell gebildete Vor-Bilder medial anders fassen zu wollen denn medial nicht vorgebilderte, wie beispielsweise Natur.

 

Kommen wir zu den Vor-Bildern der Bilder als von Matthias Köster als nicht bloß gemalte Nach-Bilder: Film ist bildlich als Projektion präsent: als Licht folglich! Das Bild des Films auf der Leinwand ist immateriell. Die Filmbilder reflektieren uns strahlend ins Auge, die Filme leuchten gleichsam.

 

Und Glamour bestimmt den Film (zumindest den der großen Hollywood-Opern) - Eleganz, Faszination, schöner Schein, Grandezza... Fellini, Mastroiani, Ekberg, Andy Warhols Factory-Produktion... Film lebt von der Vorspiegelung einer anderen Welt, von der kurzzeitigen Realität des in Wirklichkeit Nichtrealen.

 

Wie also nun eine statisch-bildliche, eine malerische Entsprechungsform finden für diese sehnsuchtsvolle Welt Matthias Kösters, die des Films? Kann es die gleiche sein wie die der tradierten Landschaftemalerei, die Leinwand?

 

Natürlich kann dies sein. Nur, die Bilder wären gänzlich anders, sie könnten nicht diese Ebene des Vor-Bildlichen so evident transportieren wie es eben Köster mit seiner Ölmalerei auf Aluminium vermag.

 

Die Entscheidung geht auf. Kösters Bilder wirken wie der Vorschein ihrer selbst. Kaum faßbar und greifbar im doppelten Wortsinne sind sie: nicht faßbar und greifbar aufgrund ihrer filmischen Realität, die einevorgespielte ist. und nicht faßbar und greifbar aufgrund ihrer materiellen Faktizität, da das Bild vor seinem Träger zu schweben scheint.

 

Die Entscheidung, auf Aluminium zu malen geht mehr denn nur auf. Form und Inhalt fallen ineins.