Judith Fegerl »Expositurenkabinett«
In der Ausstellung »Expositurenkabinett« entfaltet sich ein Werkzyklus, der über hybride mechanisch-kinetische Apparaturen stets auf den menschlichen Körper und seine Funktionen verweist. Dabei löst Judith Fegerl ganz bestimmte Vorgänge aus dem Gesamtsystem Körper, reproduziert sie maschinell, prothesenhaft und inszeniert sie als Exposituren innerhalb einer neuen räumlich-organischen Ordnung. Sie widmet sich Wahrnehmungsvorgängen des Körpers wie dem Sehen oder Fühlen, seiner Bewegung und Reproduktion, die als losgelöste automatisierte Ereignisse permanent in Erscheinung treten, um ein Eigenleben aufzunehmen, das im Poetischen mehr als im Wissenschaftlichen ankert und eine ganz eigene, stille Theatralität entwickelt.
»Read Only Memory - Individual Pieces« (2007) ist eine Serie aus fotografischen Einzelstücken, die dem individuellen Sehen nachspüren. Ein Laserstrahl tastet die von der Künstlerin über einen Tag getragenen Einweg-Kontaktlinsen ab und hinterlässt durch die komplexen, in der Linse gespeicherten Informationen eine abstrakte Zeichnung auf dem Fotopapier. Die so abgebildeten Rückstände auf der Linse verweisen auf den Akt des Sehens selbst. Auf poetische Weise dokumentiert »Individual Pieces« den Übergang eines massenproduzierten, technischen Hilfsmittels zum Ausgleich von Fehlsichtigkeit zu einem Gegenstand mit individuellen Merkmalen. Was der Laser mittels eines einzigen Schusses durch die Linse erfasst, ist das individuelle Portrait nicht eines Momentes der Vergangenheit wie bei der Fotografie, die vom Körper abgekoppelt verfährt, sondern der Gesamtheit und Dauer eines durchaus körperlichen Sehens- und Erkenntnisprozesses, der sich in die Linse als neuen Bildträger eingeschrieben hat. Mittels eines hoch-technisierten Verfahrens wird die Botschaft dieses individualisierten Bildträgers wieder sichtbar gemacht. In ihrer strengen Rahmung und Hängung verweist die Vielzahl unterschiedlichster expressiver Zeichnungen einerseits auf die »Automatische Zeichnung« des Surrealismus und andererseits auf die Serialität konzeptueller Fotografie.
»Read Only Memory« (2004) ist der Name der Laser-Installation, die das eben beschriebene Verfahren als ein permanentes Abtasten einer getragenen Kontaktlinse in den Raum projiziert. Mit dem Titel »Read Only Memory« bedient sich Judith Fegerl eines Begriffes aus der Computersprache, der einen Datenträger benennt, dem keine weiteren Informationen hinzugefügt werden können. Vergleichbar erinnert die Kontaktlinse die gespeicherte Information eines bestimmten Tages, ohne als Bildträger je wieder abänderbar zu sein. Das kontinuierlich ruhig gleitende Lesen des Lasers vermag ein diffiziles Bild der Erinnerung in den Raum zu werfen, doch offenbahrt sich die Möglichkeit der Übersetzung des Gesehenen und Gefühlten ins Bild an dieser Stelle als fragwürdig. Immer wieder neu zeichnend und verschwinden lassend beschreibt der Laser ein Unmöglichkeitsbild dieses Vorganges.
»Schwimmer im Tränensee« (2005) setzt sich ebenfalls mit dem Sehakt auf seiner elementarsten und zugleich unzugänglichsten Ebene auseinander. Abgestorbenes Gewebe im Glaskörper des Auges, das als gleitender Schatten unter ganz bestimmten Lichtbedingungen sichtbar – doch nie fixierbar ist. Die Videoarbeit »Schwimmer im Tränensee« imitiert jenes Phänomen vor einem blauen Himmel. Doch im Versuch, die künstlichen Schatten zu erfassen stellt sich auch schon das natürliche optische Phänomen beim Betrachter ein und die eigenen Schatten beginnen die künstlichen zu jagen, um dann schließlich - ununterscheidbar von diesen – in einem ganz und gar unromantischen Tränensee zu baden. Das eigentliche Medium ist hier unser eigener Tränenfilm, der jene Markierungen aufweist, die auf der Leinwand zu Akteuren werden.
Wie in vielen ihrer Arbeiten setzt sich Judith Fegerl auch in »Tension Object« (2006) mit dem Antagonismus Natur – Maschine auseinander, um ihn durch das Verschmelzen von organischem und anorganischem Material, wie hier in der Verbindung von menschlichem Haar und elektrischen Strom, weitgehend aufzulösen. Zwanzig Zentimeter lange Haare verhüllen eine keramische Kugel, in der ein Hochspannungsgenerator bis zu 400.000 Volt zu erzeugen vermag. Infolge der elektromagnetischen Spannung erheben sich ganz allmählich einzelne Haarsträhnen, die sich sodann vollständig aufrichten, um schließlich nach wenigen Sekunden unversehens in sich zusammenzufallen. Diese technisch erzeugte Bewegung verweist insofern auf psychische Phänomene, als gesträubtes Haar stets Ausdruck von Angst, Ekel, Abwehr oder des Unwohlfühlens ist. Wie die Haare des Menschen auf den angst- oder furchterzeugenden Reiz quasi automatisch reagieren, werden die abgetrennen Haare in »Tension Object« wieder erregbar. Die physische Dimension menschlicher Gefühlsregungen wird in Fegerls Arbeit isoliert und durch den langsamen Rhythmus der Auf- und Entladung des Haares immitiert, um eine Verbindung zwischen emotionaler Erregung und physikalischer Spannung herzustellen. Entsprechend wirkt »Tension Object« selbst durchaus furchterregend und abstandgebietend auf den Betrachter.
Die Kombination von maschinellem und organischem Material setzt Fegerl auch in ihrer 2007 entstandenen Arbeit »Metronom« fort. Von einem mechanischen Metronom wird langes, menschliches und zu einem Zopf gebundenes Haar in gleichmäßig getaktete Schwingungen versetzt. Das gleichbleibende Tempo der mechanisch erzeugten Bewegung zeigt die Emanzipation von menschlicher Körperbewegung. Gleichzeitig markiert diese Unabhängigkeit von menschlicher und individueller Lebendigkeit umso stärker die Abhängigkeit von der Maschine. Pedantische Präzision verdeutlicht den aufgezwungenen Rhythmus. Gebrochen wird diese (scheinbar) unerschütterliche Monotonie von der Materialität des Haars selbst, denn seine feinen filigranen Fäden flattern, schwingen, schaukeln und schweben einer Feder gleich nahezu schwerelos durch die Luft. Einerseits erfährt das menschliche Haar als organisch gewachsenes Material in »Metronom« eine Eigenständigkeit. Anderseits bedeutet seine Loslösung vom menschlichen Körper aber insofern auch eine Stagnation, als sein Wachstum und seine Entwicklung abgebrochen werden. Raffiniert spielt Fegerl in dieser Arbeit mit dem Antagonismus Natur – Maschine, indem sie die Bewegung des menschlichen Haares simuliert.
Auch in »Erzwungene Ewigkeit«/»Constrained Eternity« (2008) bildet ein mechanisches Metronom die Grundeinheit der Arbeit. Die Urform des Metronoms wurde 1813 von dem Instrumentenbauer und Konstrukteur Johann Nepomuk Mälzel in Wien gebaut. Bei diesem mechanischen Metronom wird eine Feder aufgezogen, die ein Pendel in Schwung hält, ähnlich dem Mechanismus einer Uhr. Durch ein verschiebbares Gewicht am Pendel kann die Frequenz des Metronoms anhand einer Skala eingestellt werden. Das Aufziehen der Feder wird in »Erzwungene Ewigkeit« von einem Motor übernommen, wodurch beide Einheiten eine Symbiose mit dem Ziel der Annäherung an das Kontinuum eingehen. Als Schrittmacher des Schrittmachers zwingt der Motor das mechanische Metronom zur endlosen Fortsetzung des gemeinsam gefundenen Taktes, entgegen seiner maschinellen Natur. Als Verweis auf einen Grundrhythmus, der jedem Organismus, wie jeder Apparatur zu eigen ist, liegt der Reiz bei »Erzwungene Ewigkeit« in der Spannung aus beruhigender Regelmäßigkeit und dem Gefühl des Gejagt-Seins, das sich auf den Betrachter überträgt.
Die komplexeste Auseinandersetzung mit der Maschine als selbsttätig bewegtes Objekt zeigt Fegerls Rauminstallation »Galatean Heritage« (2007), in der eine Rundstrickmaschine ein kontinuierlich wachsendes Stricktextil erzeugt. Diese Maschine widersetzt sich ihrer gewöhnlichen Funktion: Obwohl die Maschine ununterbrochen Strickbewegungen vollführt, bringt sie doch kein seriell produziertes Objekt hervor, das im herkömmlichen Sinne verwertbar wäre. Effiziente Produktivität wird zudem durch die extrem verlangsamte, ja kaum noch wahrnehmbare Geschwindigkeit negiert. Der aus Schafwolle gestrickte Stoff wird zuerst gepresst, um dann durch eine ständige Drehbewegung zu einem vielfach gewunden und sich verknotenden amorphen Gebilde geformt zu werden. Infolge seiner kontinuierlichen Gewichtszunahme liegt der so entstehende abstrakte Gegenstand bald auf dem Boden. In der Installation wird durch die Tätigkeit des Strickens einerseits Aktivität vermittelt, anderseits wird durch das Gepresst- und Gewunden-Werden des Textils eine Fremdbestimmung sowie Passivität suggeriert. Diese inhaltlichen Implikationen werden von Fegerl durch die Betitelung kulturgeschichtlich verankert. Der Titel der Rauminstallation erschließt ein vielschichtiges Bedeutungsfeld, indem er die arbeitende Maschine mit dem in Ovids „Metamorphosen“ beschriebenen Galatea-Mythos verknüpft. Die vom misogynen Bildhauer Pygmalion zum Leben erweckte Elfenbeinstatue Galatea verweist zum einen auf ein bis heute ungebrochenes Bestreben nach der Erschaffung eines Menschen mittels künstlicher Produktionstechnik. Zum anderen thematisiert die mythische Figur Galatea insofern männliche Phantasien, als hier der passive Ideal-Körper der Frau vom männlichen Künstlerideal geschaffen und somit stark fetischisiert wird. In »Galatean Heritage« wird nicht nur die Rolle der Frau, sondern auch die der Künstlerin reflektiert. Fegerl schafft mit ihrer Maschine die Voraussetzungen für das Produkt, greift jedoch in den eigentlichen Entstehungsprozess nicht ein. Ihre Maschineninstallation verrichtet ihr einzigartiges Werk autonom. Bewusst entkörpert Fegerl den Produktionsprozess, der weiblich konnotierte Bereiche mit vorwiegend männlichen Symbolen konfrontiert. »Galatean Heritage« zeigt Judith Fegerls Auseinandersetzung sowohl mit technischer Reproduktion natürlicher Phänomene als auch mit künstlerischen Prozessen.
Judith Fegerl »Expositurenkabinett« (engl.)
The first solo show of the Austrian artist Judith Fegerl comprehends an ensemble of objects constituting an “Expositurenkabinett”. The artist has been honoured since short time with the Niederösterreichischen Kunstpreis (Art Prize Lands of The Lower Austria) and introduces in the show her older as well as more recent works. The exhibition leads us through an interesting and most various thematic production path, which is constantly moving between technical and organic, artificial and natural, scientifical objectivity and subjective emotionality. Organic and inorganic bodily characters mix and melt forming an arsenal of mechanical – kinetic gadgets conveying to psychic processes and automatisms. Rather than try to conceal the mechanisms and internal structures of the objects, the artist chooses to let them open, visible to the public. Even though the skeleton of the objects is left open to our view, the causes of their movements remain unclear. They elude pre – ordered expectations of productivity and efficiency and indulge in a self – sufficient attitude. Their partly touchy and partly bewildering beauty unfolds slowly.
In “Tension Object” (2006) Judith Fegerl refers to that antagonism between natur and machine. Her interest for the fusion between organic and inorganic takes in this work, the shape of a connection between human hair and an high voltage generator. Twenty centimeters long hairs envelop a ceramic globe containing an high voltage generator, which can produce up to 120.000 volts. As result of the electromagnetic current the hairs raise gradually but completely until they collapse upon themselves again. This artificially generated movement addresses to a specific physical phenomena in which fear or physical unwell conditions manifest themselves through physical reactions. One of these reactions is the erection of hairs on the surface of our skin. While humans generate these kind of reactions automatically by emotions, in “Tension Object” the input is artificially and repeatedly given by the machine to the body part, the hairs. The peculiarity of the human feeling is in the work of Judith Fegerl extrapolated and converted through the rhythm of hairs charging and discharging. With the machine – object the artist builds a connection between emotional excitation and physical tension.
The combination of technical and organic material is further developed in Fegerl’ s work “Metronom” (2007). From a mechanical metronome hangs a long braid made of human hairs. An electrical input given by the metronome induces the braid to a constant oscillating movement. The equal tempo of the mechanically produced oscillation let us reflect on the grade of evolution of the human ‘ s movement; it underlines its liveliness and independence by putting in evidence the pedantic, calculated and forced mechanical movement. The monotony is interrupted only by the material physicality of the hairs as the smooth filigran of its dandling filaments oscillating in the air remember us the lightness of a feather.
On one side, the human hair as organic born material has an own independence but on the other side, it being dissociated from the human body disquietly addresses to a stagnation, as its growth would have been prematurely interrupted. With the simulation of a human body part Judith Fegerl plays subtly with the antagonism between natur and machine. The simulated movement of the hair following and reproducing the tempo of the metronome is transformed into a sort of time beating tool.
The most complex analysis of the machine as independent, alive object, is surely to be found in Fegerl’s work “Galatean Heritage” (2007). In this case the continuous work of a circular knitting machine produces a growing amount of textile. The object defies its original function. It works incessantly but the final product is not to be seen as result of a serial production neither as an utilizable object. The movement of the machine is reduced to an almost imperceptible tempo, which contradicts the idea of efficiency that normally distinguishes the concept of serial production. The textile is made of sheep wool. It is first compressed and afterwards through repetitive movements, shaped into a meandering object. Due to the increasing dimensions and weight, the object collapses lifeless on the ground. At first sight the installation communicates a condition of activity through the action of knitting, but in a second time our impression switches to a more passive and submissive one related with the action of pressing, compressing and twisting. The title of the work relates to a cultural historical context. The machine refers to Ovidio’s “Methamorphoses” and the myth of Galatea. The figure of the ivory statue of Galatea, brought to life by the mysogin artist Pygmalion, addresses to an attempt to bring life into dead substance. On the other side the artist broaches the issue of Galatea as male phantasy, created by a male artistic ideal, in which the woman can also be seen a passive product and fetish object. “Galatean Heritage” reflects both on the role of the woman and of the artist. Fegerl intentionally extrapolates that feminine connotated area of the machine, which is actually in point of fact recalling a reproduction organ, and confronts it with male symbols.
In this work appears the tendency of the artist to confront herself with technical reproduction of more natural phenomena and more artificial ones.