Von außen betrachtet, mag ein Waldstück ja relativ einschätzbar und begehbar erscheinen. Deutsche Waldflächen sind geradezu in akkurate Blöcke unterteilt, die mehr einem geometrischen Musterbrett als einer gewachsenen Form gleichen. Betritt man allerdings das Innere, wird offenbar, wie natürliche Kräfte versuchen, sich über geordnete Strukturen hinwegzusetzen, Wege zu überwuchern und dem Chaos Einzug zu gewähren. Der Ort beginnt sich der Kontrolle zu entziehen. Plötzlich bewegt sich etwas, Bäume liegen quer, Wege verschwinden, und Lichtungen finden sich im Dickicht aus Holz. Jegliche Orientierung verliert sich spätestens dann im Inneren des Waldes, wenn die Nacht einfällt.
Äußere Ordnung und innere Verstrickungen begegnen sich auch in Florian Neufeldts Arbeit Stapel. Es ist eine Frage der Perspektive, ob die exakt gereihten Holzlatten Durchblick in das wirre Zentrum gestatten oder sich als dichter Kubus zeigen. Das Chaos zerbrochener Latten im Inneren des wohlgeordneten Kantholzstapels bricht durch dessen äußeren Rand. Der Betrachter scheint die Skulptur im Moment der Ruhe nach dem Sturm zu sehen. Unwillkürlich fragt man sich, welche Kräfte an dem hölzernen Gestell wirkten. So sehr bei den raumeinnehmenden Skulpturen von Florian Neufeldt die Aufmerksamkeit auf der genau ausgefeilten Konstruktion liegt, so abstrakt und reduziert seine Arbeiten formal auch sind, bergen sie doch gleichzeitig narrative Elemente – nicht zuletzt weil der Künstler beim Bau seiner endlos kreisenden bis schwer lastenden Skulpturen Spannung produziert. Diese Spannung zwischen Bewegung und Stillstand, Last- und Tragvermögen, Gewicht und Gegengewicht reizt er bis an die Grenze der Belastbarkeit des Materials aus. Wenn dann scheinbar sichernde, haltgebende Elemente wie etwa ein Geländer oder Leitersprossen doch aus ihrer Fassung brechen und sich somit ihre ursprüngliche Funktion ins Gegenteil verkehrt, beschleicht einen das latente Gefühl, die Situation könne außer Kontrolle geraten.
Martina Kupiak