Die großformatige Scannografie von Edgar L. zeigt einen Fichtenkreuzschnabel, der in einem schwerelosen Zustand erstarrt zu sein scheint. Die Flügel, vor dem Körper zusammengeführt, bergen den tief gesenkten Kopf des Tieres. In seiner anmutigen und zugleich demütigen Pose zwischen Aufstieg und Fall zieht uns der Fichtenkreuzschnabel auch durch die Farbigkeit seines Federkleides an, das bis hin zum feinsten Flaum erhellt und erfasst ist. In einer anderen Arbeit, einer fünfteiligen, den Bewegungsstudien Eadweard Muybridges vergleichbaren Serie, sehen wir den Flügelschlag einer Kohlmeise. Erst bei genauerem Hinschauen wird erkennbar, dass das Schweben der Tiere eigentlich ein Liegen ist und die Körper sich nicht mehr aus eigenem Antrieb bewegen, sondern leblos unserem Blick ausgesetzt sind.
Im Unterschied zur gängigen Vorstellung, die Fotografie würde etwas Lebendiges, wie bei Eadweard Muybridge sich Bewegendes wiedergeben, sieht Roland Barthes die Fotografie in engem Zusammenhang mit dem Tod und versteht die Situation des Fotografierens als einen »Tötungsakt«. Die Stillstellung des lebendigen Subjekts im Bild, das mit dem Fotografiertwerden seinen Subjektstatus verliert und zum Objekt wird, ist für Roland Barthes Ausgangspunkt seines Konzepts. Edgar L. scheint dieses Konzept umzukehren. Er arbeitet mit Tieren, toten Tieren. Er findet sie am Straßenrand, nimmt sie mit, bringt sie Heim, untersucht sie, befreit sie vom Schmutz und setzt sie mittels eines hochauflösenden Scanners ins Bild, um sie dort scheinbar wieder zum Leben zu erwecken und in Bewegung zu versetzen.
Das Sehen selbst in Erscheinung treten zu lassen, ist ein Anliegen von Edgar L. So wurde etwa ein toter Fuchs nach Anleitung des Künstlers von einem Präparator in eine aufrechte Sitzposition gebracht, seine Ohren, Glasaugen und Nase nach vorne ausgerichtet. Obwohl ohne Anspannung, bringt seine Körperhaltung doch höchste Aufmerksamkeit zum Ausdruck, die sich auf einen Zeitungsausschnitt richtet: auf das Foto eines zweiten Fuchses – diesmal die Abbildung des in die Fotofalle von Tue Greenfort getappten Tieres, dessen Augen vom Blitz des – im Moment des Schnappens nach der Wurst ausgelösten – Fotoapparates geblendet sind. Unser Sehen erst belebt die Blicke dieser beiden eigentlich blinden Tiere und lässt sie miteinander in Kontakt treten.
Birgit Kulmer