Angelehnt an eine reinweiße Ausstellungswand steht eine Holzlatte, dunkel und stark verwittert, als sei sie einem längst vergessenen Ort, vielleicht einer seit Jahren verwaisten Scheune eben erst entnommen, an der Wand abgestellt und selbst wieder vergessen worden. Nähert man sich dem sonderbaren Objekt, zeigt sich im oberen Teil eine Öffnung, ein kleines im Rund herausgearbeitetes Loch, das ins Dunkel führt. Irritiert wird der neugierige Blick auf die Rückseite gelenkt, und er entdeckt … ein Nest. Das abgestellte Holzstück scheint von Hamstern bevölkert gewesen zu sein, die dort einst ihr temporäres Lebensgehäuse fanden.
Weit gefehlt. Das Nest ist ein Konstrukt von Björn Braun, der in akribischer Manier das Loch in die Latte hineingeschabt, aus den dadurch gewonnenen Spänen ein Hamsternest geformt und es in dieser Gestalt dem Ursprungsort wieder zugeführt hat. Björn Braun arbeitet in transformatorischen Prozessen seine dem alltäglichen Leben entnommenen Gegenstände um und schöpft dabei unter partieller oder vollständiger Dekonstruktion neue, verfremdete Objekte, die häufig den Lebensraum von Klein- und Kleinsttieren thematisieren.
Dieses Verfahren wendet Björn Braun gleichermaßen bei seinen Collagen an. Mit chirurgischer Präzision schneidet er aus Landschaftsfotografien alter Bücher Strukturen heraus, arrangiert diese zu neuen Formationen und fügt sie ohne Substanzverlust in die ursprüngliche Abbildung wieder ein.
Björn Brauns Methode der Transformation, des zirkulären Eindringens in scheinbar vertraute Gegenstände, liegt eine hermeneutische Prozesshaftigkeit zugrunde, mit der er sich den Strukturen und Wirkmustern seiner Gegenstände einerseits nähert, sich andererseits aber in paradoxer Weise wieder von ihnen entfernt, indem er durch Entnahme neue Leerstellen schafft. Die Arbeiten von Björn Braun sind auf bildhafter und materieller Ebene ambivalente Konstruktionen, die poetisch anmuten und nostalgisch klingen.
Sandro Parrotta