ANDREAS UEBELE

der text, die schrift, der ort architektonische randbemerkungen zu den arbeiten von andreas uebele

das zeichen birgt eine botschaft – es soll etwas gesagt werden. Das zeichen ist selbst teil dieser botschaft – seine form weist darauf hin. das zeichen ist teil des ortes, an dem die botschaft erscheint – der ort wird mitgeformt.

solches kommt uns in den sinn, wenn wir als architekten die arbeiten von andreas uebele und seines teams betrachten – oder das glück haben, mit ihm zusammenzuarbeiten und dabei die affinität zum eigenen tun entdecken. es ist nicht nur die biografie von uebele, mit dem ausgewiesenen architekturteil, sondern auch die rationale, genaue und sorgfältige art, wie er mit seinem team an die arbeit herangeht, welche zu uns die brücke schlagen.

vorerst gilt es für den visuell kommunizierenden designer und schriftgrafiker, wie auch für den architekten, ein programm, einen auftrag zu erfüllen. dieser ist allerdings immer zu hinterfragen, denn nur selten ist es von anfang an klar, worum es geht. dem wortlaut ist zu misstrauen, es geht um das wesen der aufgabe. dieses muss aber erst entdeckt werden. die fähigkeit, den eigenen bedarf zu formulieren, ist wenigen gegeben. wenn einer sich ein wohnhaus oder die darstellung seiner firma wünscht, muss man erfassen können, was er sich darunter vorstellt, und herausfinden, was er wirklich braucht. es kann ja sein, dass das selbstbild, das er von sich zeichnet, zu kleinlich oder zu grandios ist, dass er sich zu sehr in den schatten oder ins licht stellt. erst das verstehen des auftrags und des auftraggebers öffnet den weg zur kommunikation.

dann ist eine form zu finden und zu realisieren, die dem auftrag entspricht. diese entsprechung ist eine voraussetzung für das projekt, aber sie genügt nicht. es ist die besondere entsprechung für die immer besondere aufgabe zu suchen, sei diese ein logo, die beschriftung eines thermalbades oder das orientierungssystem für dresden. das passiert nicht von selber. der weg zwischen behaglicher routine, modischer verführung und echter erfindung ist voller fallen. Hier sind die beherrschung der mittel, heller verstand und eine sichere hand gefragt.

schließlich muss der ort des geschehens erfasst werden. man kann die botschaft nicht überall auf die gleiche art und mit den gleichen mitteln weitergeben. es ist ein dialog mit dem ort und der architektur zu führen, der in einer neuen ganzheit mündet, die so vorher nicht da gewesen ist.

das kann durch einen schriftzug, eine grafisch verwandelte wand oder ein freistehendes objekt geschehen, letztlich durch ornament, malerei und plastik. dabei geht es hier zusätzlich auch um worte, also eine die sinnliche erfahrung überlagernde kommunikation: die sprache.

das alles verlangt nicht nur einen wachen verstand, professionalität und offene augen, sondern auch eine gute portion von einfällen und viel spaß am erfinden. es verlangt aber auch ein wissen um die wahrnehmung, um die wirkung der sprache und schließlich um ein enges verhältnis zum raum, also zur architektur und zur landschaft.so wird man dann durch worte und farben, schriften und stelen leicht und selbstverständlich ans ziel geführt. und vielleicht hat man unterwegs kurz angehalten und amüsiert gestaunt, wie das wort, die schrift, der buchstabe den ort verändert haben, und wie ganz nebenbei auch ein architektonischer beitrag entstanden ist.

was, wo und wie vermittelt wird, ist nicht belanglos, das kann man nicht genug betonen. es kann banal gemacht werden oder eben anders, es kann auch dilettantisch und langweilig sein oder eben anders. und für dieses »eben anders« ist andreas uebele zuständig. text: jacques blumer, atelier 5

 

... diese liebe zum detail zeichnet generell die arbeiten von andreas uebele aus. ... text: uwe loesch

 

das objekt teilt sich ihm mit, ob es geschrieben oder beschrieben, ob es gezeichnet, fotografiert oder symbolisiert sein will. dem geht ein dialog voraus, ein stummer oder ein beredter mit dem auftraggeber, denn es handelt sich nicht um kunst, sondern um visuelle kommunikation. wenn das objekt nicht deutlich macht, wessen es begehrt, werden auch ideen und skizzen in alternativen möglichkeiten erprobt. andreas uebele stehen solche möglichkeiten zu gebote. er findet einen spannungsreichen zusammenklang von nüchternheit und phantasie, von laisserfaire und disziplin. das spannungsfeld umfasst die darstellungsbereiche der gestaltung mit schrift, als satz oder geschrieben, als illustration und fotografie, als collage und montage, als lichtabbild. es umfasst die reduktion, die kurzform des signets, unter das sich ein vielfältiges ganzes störungsfrei zusammenfügt. es umfasst klar gegliederte strukturen: eine logische ordnung, die sich im dreidimensionalen lautlos dienend eingliedert. und – last not least – die unbekümmertheit der striche im gezeichneten, die lässigkeit, die sich nur der champion leisten kann. die schlagbäume zur »künstlerischen freiheit« sind weit offen. die zeiten ideologischer richtungskämpfe mit ihren visuellen vorschriften und vorbildern aus durchaus achtbaren schulen scheint endgültig vorbei. für einen praktizierenden pädagogen ist diese scheuklappenfreiheit die wesentliche erfolgsvoraussetzung. in der freiberuflichen arbeit ist er kein erfüllungsgehilfe der erfolgsbranchen. der strich verrät das. dieser arbeitsbericht ist eine schule des sehens, des hin-sehens und ein-sehens, was ein bisschen geduld erfordert. andreas uebele geht von der sprache auf die gestaltung zu. (der umgekehrte weg ist häufig durch bewusstseinstrübung geschwächt.) »dinge, die nicht klar und einfach formuliert werden können«, sagt er, »sind uninteressant.«

formuliert heißt: in form gebracht, als zeilen, absätze, seiten, als symbol, zeichen, marke, als zeichnung, bild, farbe und als komposition dieser elemente im layout. die elementarteilchen des gestaltungswillens und gestaltungsvermögens müssen heute gegen sehr verflachte wahrnehmungs- und kommunikationsgewohnheiten ankämpfen. aufmerksamkeit, gar anteilnahme zu erringen ist gegenwärtig schwieriger denn je. deshalb ist die kunst des visuellen gestalters heute die kunst, von sich selbst einmal absehen zu können. es ist die kunst, mit den köpfen der ansprechpartner, der absender und empfänger zu denken, ohne sich selbst zu verraten, ohne andere zu täuschen, ohne freiwillig oder unfreiwillig die visuellen müllhalden aufzufüllen. wer dabei das sammeln von erfahrungen eher als last abwirft, anstatt es in erkenntnisse umzumünzen, lebt in unstabilen jobvorstellungen, aus denen man schnell herauskippen kann. dieses bilderlesebuch soll zum langsameren hinschauen anleiten. wer besser sehen und formen bilden kann, braucht die phantasielose variantenschleuder des computers nicht so zu strapazieren. zeichnen ist für jeden von uns eine ursprüngliche fähigkeit, die in verkopften schulplänen vernachlässigt wird. das geht mit dem verlorengehen des briefeschreibenkönnens einher. das hinsehenkönnen wird durch zappen am fernseher gekillt. es ist gut zu lesen, was der autor dazu sagt. das ist nicht übel. aber echt uebele. text: urt weidemann

 

Andreas Uebele

Zwei ganz unterschiedliche Ausstellungen erwarten sie. Ein Grafiker und sein Team präsentieren Aspekte ihrer Arbeit. In großen Formaten zeigen sie Ausschnitte aus ihren Projekten. Es sind Fundstücke, gefunden in Orientierungssystemen, die für den alltäglichen Gebrauch entwickelt worden sind. Auch wenn die Fotografien von Timm Rautert einem ganz anderen Bereich entstammen, gibt es doch einen gemeinsamen Aspekt: die ästhetische Praxis. Wir sind hier in einer Galerie, in der unsere Erwartungen auf Kunst irgendeiner Gattung gerichtet sind. Doch wäre es voreilig, vom Kontext auf die gezeigten Bilder zu schließen und sie als Kunstwerke zu betrachten. Daher setze ich auf ästhetische Praxis, die möglicherweise auch ästhetische Praxis der Kunst ist. Als ich die Arbeiten von Andreas Uebele sah, hatte ich sofort ein Stück meiner Vergangenheit in Stuttgart vor Augen. In den sechziger Jahren während meines Studiums an der TH Stuttgart beschäftigten wir uns mit ganz spezifischen zeitgenössischen Tendenzen der modernen Kunst: konkrete Kunst, konkrete Poesie oder auch visuelle Poesie und schließlich mit den ersten Ergebnissen computergenerierter Kunst. Das alles wurde diskutiert bei Max Bense am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Ästhetik. Die Ästhetik übernahm damals eine zentrale Funktion in der Vermittlung zwischen Kunst und Design oder im weiteren Sinn zwischen Kunst und Leben. Doch es gab Formen künstlerischer Praxis, die nicht ohne weiteres in dieses Schema passten. Dazu gehörten der Surrealismus, Bereiche der Abstrakten Kunst, der Tachismus. Doch die Ästhetik von Bense war so konzipiert, das sie ästhetische Zustände dort beobachtete, wo kleinste, bedeutungslose Partikel als Elemente statistischer Beschreibung dienten. Auf diese Weise war die Polarisierung von Ordnung und Chaos in Form unterschiedlicher ästhetischer Zustände zu beschreiben. Die Arbeiten von Andreas Uebele wie sie hier präsentiert werden, rücken ganz in die Nähe von konkreter Kunst und konkreter Poesie, sie erinnern an Op-Art und Hardedge-Painting und zeigen selbst Spuren von informeller Malerei. Historische Vorläufer der konkreten Poesie: Der Italiener Filippo Tommaso Marinetti, der den Futurismus begründet hat und sein Manifest 1909 auf der Titelseite des „Figaro“ in Paris veröffentlichte, experimentierte mit von Grammatik und Syntax befreiten Wörtern. Die Experimente der Dadaisten: die Lautgedichte von Christian Morgenstern, Kurt Schwitters, Hugo Ball, ManRay. Raoul Hausmann sprach vom opto-phonetischen Gedicht. Auch Typografen wie Jan Tschichold entdeckten die gestalterischen Qualitäten ihres Materials. Die Konkrete Kunst übernahm eine Schlüsselfunktion für eine Verbindung von Kunst und Design. Die Konkret Kunst war ursprünglich ein Programm für eine Kunst ohne Beziehung zur visuellen Wirklichkeit, wie Theo van Doesburg es 1930 beschrieben hat. Die bildnerischen Elemente „bedeuten“ nur sich selbst. Sie wurden selbst visuelle Wirklichkeit und dienten schließlich als Reservoir für zeitgenössische ästhetische Muster. Damit wäre schon eine Beziehung von Kunst und Design sichtbar. Doch geht es den Designern überhaupt um diese Nähe?

Diese Arbeiten sind Ausschnitte, Fragmente, Destillate oder Konzentrate umfassender Projekte, die zum größten Teil in die Praxis umgesetzt sind und dort die Funktionen erfüllen, für die sie konzipiert worden sind. Andreas Uebele ist Kommunikationsdesigner und hat sich mit Orientierungssystemen befasst. Alle Tafeln hier sind Teile solcher Orientierungssysteme.
Orientierungssysteme geben uns die Möglichkeit, in einem bestimmten Kontext von einem Ort aus ein anvisiertes Ziel zu erreichen. Derartige Systeme entfalten ihren Sinn in Handlungen, in Prozessen. Aus dieser Perspektive werden erfolgreich funktionierende Systeme immer wieder verwendet, wie z.B. die Piktogramme auf Flughäfen, die international verbreitet sind. Doch die gezeigte Auswahl von Bildern macht deutlich, dass die Orientierungssysteme nicht genormt sind, sondern aus unterschiedlichsten Konzepten entstanden sind.

Von der Konzeption und der praktischen Funktion her, war es für Uebele wichtig, sie als Teil eines größeren Kontextes zu sehen, der meistens durch die Architektur von Gebäuden und der darin notwendigen Orientierung vorgegeben sind. Der Austausch zwischen Umgebung und System ist wesentlich auf Korrespondenzen angelegt. Orientierungssysteme sind Informationssysteme. Das bedeutet: Es gibt standardisierte Zeichensysteme, die der Lesbarkeit wegen nicht ohne weiteres verändert werden sollten.
In der Regel verwenden wir den Begriff Zeichen, um spezielle Gegenstände zu bezeichnen. Zeichen stehen für etwas. Zeichen dienen als Hinweise, verweisen auf etwas. Sie stellen etwas dar und wir benutzen sie als Stellvertreter für Dinge, die nicht anwesend sind.

Daraus entsteht die Vorstellung, Zeichen zu sein, sei eine Eigenschaft der „Zeichen“. Verkehrszeichen sind dann ein beliebtes Beispiel. Sie werden eigens hergestellt, um an konkreten Orten als Wegweiser, als Gebot und Verbot etc. zu fungieren. Mit dem Verkehrszeichen wird aber auch deutlich, dass sie eigentlich erst Sinn machen, wenn sie in einer konkreten Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einem konkreten Zeitablauf gebraucht werden. Das Schild „Einbahnstraße“ basiert auf einem Pfeil, der an einem bestimmten Ort dem Autofahrer die Fahrtrichtung anweist. Was das Schild bedeutet, habe ich vorher gelernt, so dass ich mich in gegebener Situation entsprechen verhalten kann. Dieses Schild an der Wand meines Arbeitszimmers trägt die ganze Last dieser Funktionen, ohne dass es tatsächlich als Zeichen funktioniert und Teil eines Handlungsablaufs wird. Die konkrete Handlungssituation ist entscheidend, denn erst im Moment tatsächlicher Handlung – und dazu gehört eine handelnde Person – wird das Zeichen zum Zeichen im Sinne eines Zeichenprozesses. Und innerhalb dieses Prozesses zählt nicht die Gegenständlichkeit des Zeichens, sondern seine Funktion oder genauer unser Verhalten. Eine Ästhetik der Korrespondenz bezieht sich auf das Bedürfnis nach sinnvoller Gestaltung unserer Lebensräume. Landschaft, Architektur und die vielen Dinge des Alltags versuchen wir zu gestalten, um Funktionen zu optimieren und die Welt schöner erscheinen zu lassen. Dabei scheint es sinnvoll zu sein, größere Zusammenhänge zu denken, Kontexte zu berücksichtigen und neue zu erzeugen. Es sind Formen oder Formzusammenhänge, die solche Kontexte prägen. Den Begriff der Korrespondenzen projizieren wir auf die überschaubare Umgebung, aber ebenso auf die Beziehungen der ästhetischen Muster zur Natur, den Wissenschaften, der bildenden Kunst, der Musik etc. Im überschaubaren Bereich der hier konzipierten Orientierungssysteme wird auf Architektur, die im Bau verwendeten Materialien, die Farben, aber auch die Produkte oder Dienstleistungen der Unternehmen oder Institutionen Bezug genommen. Derartige Orientierungssysteme werden konzipiert, entworfen und ausgeführt vor dem Hintergrund, die Aufgaben optimal zu erfüllen. D.h. schon in der Planung werden sie auf ihre Funktionen hin gedacht. So nehmen wir realisierte Systeme als Systeme potentieller Orientierung wahr, die immer erst in tatsächlichen Handlungen aktualisiert wird. Als aktiver Nutzer werden wir Teil des Systems und verlieren dabei ganze Teile aus den Augen. Die ästhetische Einstellung geht jedoch primär von der Wahrnehmung der Systeme aus. Und gerade Korrespondenzen müssen wahrgenommen werden. Es zeigt sich hier tatsächlich ein Dilemma, das im Design offensichtlich nicht zu vermeiden ist. Lucius Burckhardt hat vor Jahren deshalb die Parole ausgegeben: „Design ist unsichtbar“. Alles sollte auf die Funktion der Funktionen ausgerichtet, sein, die ein Dasein ohne Hindernisse zu garantieren schienen. Wir haben hier den Gegenentwurf: Um der ästhetischen Komponente des Design eine sinnlich sinnhafte Ebene zu geben, ist es notwendig, den Sinn für einen Moment auszuklammern, um wahrzunehmen, war nur wahrgenommen werden kann. Alles Ästhetische bezieht sich auf unsere Sinne. Die Auswahl der hier gezeigten Destillate umfassender Orientierungssysteme sind bedeutungslos und lenken deswegen die Aufmerksamkeit auf ihre sinnliche Erscheinung. Damit implantieren wir eine andere ästhetische Einstellung, die mit der Gestaltung unserer Welt

wenig im Sinn hat. Aber sie setzt auf Konzentration in der Wahrnehmung, verlangt Aufmerksamkeit für Kontemplation. Offensichtlich bedarf es dieser Konzentration im Sinne eines Konzentrats aus den differenzierten Systemen, um die ästhetischen Muster zu identifizieren und sie für Korrespondenzen zur Verfügung zu haben. Berücksichtigt man, wie viele Assoziationen die Designer mobilisiert haben, um ihre Systeme zu entwerfen und in größere Zusammenhänge zu integrieren, dann müssen eben so viele Möglichkeiten zu assoziieren erlaubt sein, wenn wir mit den Ausschnitten konfrontiert werden. Die eingangs genannten Kunstformen waren für mich ein Potential, die unterschiedlichsten visuellen Muster zu assimilieren und sie für Korrespondenzen in meiner Umgebung zu verwenden. Das für mich die Kunst als Repertoire zur Verfügung steht, heißt nicht das die Kunst hierfür verbindlich ist. Alles, was den Bildern ähnlich ist, kann eine Verbindung mit ihnen eingehen. Das ist der Sinn ästhetischer Muster, Verbindungen zu ermöglichen. Manfred Schmalriede. Neulingen, den 12.06.09.